Rückenschule und Zirkeltraining

Bad Sobernheim, 9.1.2018

Heute bekamen wir einen neuen Trainer. Ich kannte ihn noch nicht, er war im Weihnachtsurlaub gewesen.

Vormittags mit ihm zuerst Ergotherapie:

  • Wie bückt man sich nach Gegenständen?
  • Wie trägt man seine Einkäufe?
  • Wie hebt man Getränkekisten (ich: gar nicht)?
  • … und so weiter.

Aha, das war jetzt Rückenschule. Natürlich machte man  bisher im Alltag alles falsch. Aber man kann sich die neuen Bewegungsmuster antrainieren, damit ein Automatismus entsteht.

Nachmittags dann Schroth-Gruppentraining:
Und zwar Zirkeltraining mit Musik. Super war das, motivierend. Übungen an der Sprossenwand, mit und ohne Deuserband, Übungen mit dem Pezziball und Übungen zwischen zwei Stäben.

Danach: fix und fertig

 

 

Sonntag – therapiefrei

Bad Sobernheim, 7.1.2018

Sonntag. Therapiefrei. Das ist erst mal sehr komisch, weil man am Sonntag seine Zeit selbst ausfüllen muss, also man muss sich überlegen: Was mache ich heute? Ich bin nach dem Frühstück in den Ort gegangen, habe mich ins Café Andrae gesetzt und einen wunderbaren großen Cappuccino getrunken. Der Cappuccino war köstlich.

Normalerweise trinke ich zu Hause jeden Morgen nach dem Aufstehen zwei große Tassen Kaffee mit aufgeschäumter Milch, dann kann der Tag beginnen. Nach den beiden großen Tassen Cappuccino gehe ich schwimmen. Das ist für meine Wirbelsäule ein sehr guter Start in den Tag.

Hier in Bad Sobernheim gibt es nach dem Aufstehen zwei Tassen Instantkaffee mit Sojamilch, bevor ich das Zimmer verlassen kann, bevor mein Kreislauf und meine Laune in Schwung kommen. Immerhin eine Alternative. Keine perfekte zwar, aber ein guter Kompromiss.

Heute nach dem Mittagessen sind Ingrid, Heidi und ich zu einem wirklich langen Waldspaziergang aufgebrochen. Es war alles ziemlich nass und matschig, aber sehr idyllisch. Nach einem Zwei-Stunden-Marsch sind wir dann im schwedisch angehauchten „Sommercafé“ eingekehrt. Es ist so hübsch und heiter dort.

Abends um 20 Uhr (weil die Erwachsenen ja erst um diese späte Zeit schwimmen dürfen): mein üblicher Sechs-Bahnen-Schwimmbadbesuch, müde und total unmotiviert, aber es musste sein … Dann habe ich mich erschöpft und zufrieden vor dem Fernseher geknallt.

Hotel „Bollands“

Bad Sobernheim, 6.1.2018

Samstag: vormittags volles Programm. Zuerst Gruppe: aufwärmen im Freien mit Musik, etwas frisch zwar, aber man bewegt sich ja. Manchmal zu Schlagern, was nicht so toll ist: aufwärmen mit Helene Fischer, na ja. Danach ging es weiter mit den üblichen Schroth-Übungen, wozu mir manchmal tatsächlich die Kraft fehlt und ehrlich gesagt, manchmal auch die Lust. Denn diese Schroth-Übungen sind sehr statisch, und das viele Atmen ist auch nicht so angenehm. Nächster Programmpunkt nach dem Schrothen: Bauchmuskelübungen. So viel Sport, ich habe mittlerweile schon gar keinen Muskelkater mehr.

Danach ein langer freier Nachmittag.

Abends, also um 18 Uhr, ging ich mit einer Mitpatientin, Ingrid, in das Wellnesshotel „Bollands“, fast gegenüber der Katharina-Schroth-Klinik.

Das „Bollands“ bei Nacht.
Man sieht nix …
Die Klinik im Hintergrund – im Vordergrund Schafe

Das „Bollands“ bietet Schwimmen und Sauna abends ab 18 Uhr zum Feierabendtarif an. Der Feierabendtarif beträgt 19 Euro. Für mich lohnt sich das eigentlich nicht, denn ich benutze nur das Schwimmbad, die Saunalandschaft interessiert mich eher nicht. Es gibt zwei Schwimmbäder, eins innen und eins außen. Draußen war es mir zu kalt, und das innenliegende Schwimmbad war ziemlich klein, aber angenehm warm. Ich bin dann ein bisschen im Wasser herumgedümpelt, habe ein bisschen Wasser-Walking gemacht, bin ein bisschen geschwommen, um anschließend eine sehr heiße Dusche zu nehmen und dann im Ruheraum – der ganz leer war – mein Buch zu lesen. Zum Ruheraum fällt mir nur ein Wort ein: behaglich, nein, fallen mir zwei Wörter ein: sehr behaglich. Bequeme Ruhebetten, ausgestattet mit kuscheligen Decken, es gab „Energiewasser“ zu trinken. Ingrid hat sich dann nach dem ersten Saunagang zu mir gesellt, wir lagen entspannt in diesem nur von uns genutzten kuscheligen Raum und hatten tolle persönliche Gespräche. Es war ein schöner Abend.

„Hatten Sie mal Kinderlähmung …?“

München, 16.2.2018

„… nein, warum?“

Das hat mich heute morgen doch tatsächlich eine Frau in der Umkleide im Schwimmbad gefragt. Nicht zu fassen, was es dumme, indiskrete Menschen gibt. Ich ließ sie stehen und ging in die Schwimmhalle. Doch die ganze Zeit, während ich meine Bahnen zog, musste ich darüber nachdenken.

Noch mal: Es macht mir wirklich nichts aus, dass ich ein schiefes Erscheinungsbild habe, aber so direkt darauf angesprochen zu werden …
Am liebsten hätte ich entgegnet: „Und Sie, hatten Sie mal Adipositas?“ Die Schlankste war sie nämlich nicht. Aber so was sagt man nicht. Gewiss nicht.

So, das nur nebenbei, ich mache jetzt weiter mit meinem Sobernheim-Bericht …

 

 

Zweifel

Bad Sobernheim, 5.1.2018

Jeder Tag ist anders. Gefühlsmäßig. Gestern war ich noch Korsett und OP gegenüber ganz negativ eingestellt. OP ist immer noch ein absolutes No-Go, und das wird auch so bleiben, dem Korsett nähere ich mich gedanklich an. Ich habe ja eines. Mein Orthopäde meinte damals vor vier Jahren, ich sollte es vielleicht mit einem Nachtkorsett versuchen. Ich habe es widerstrebend und gar nicht überzeugt anfertigen lassen, dann zu Hause einmal anprobiert. Ich habe es kaum zehn Minuten darin ausgehalten: Es schnürte mir die Luft ab, war ein Martyrium. Weggelegt, nie wieder angefasst. Ein Nachtkorsett – so hat es mein Orthopäde genannt. Der Orthopädiebauer meinte aber, ein Korsett ist ein Korsett, ob am Tag oder in der Nacht, es gibt keinen Unterschied. Wenn es nur in der Nacht getragen wird, dann heißt es eben Nachtkorsett. Das Korsett ist ein Panzer, eng, schmerzhaft, darin kann man, darin kann und will ich nicht schlafen. Ich brauche meinen Schlaf. Also schlafe ich weiterhin ohne.

Mein Alptraum – das „Nacht“-Korsett

Hier in Bad Sobernheim ist das Korsett nix Besonderes, viele haben eines, ziehen es vor den Übungen aus, nach den Übungen wieder an, keiner guckt. Normalität. Eine jüngere Frau aus meiner Übungsgruppe besitzt auch ein Korsett. Sie sagt, sie trägt es nach der Arbeit, vor dem Fernsehr, manchmal auch ein paar Stunden in der Nacht. Sie fühlt sich danach aufgerichtet, es tut ihr gut. Vielleicht sollte ich es doch noch einmal probieren damit? Ich müsste es eben entsprechend anpassen lassen, damit es für mich tragbar ist. Auch wenn es nicht in dem Maße korrigiert, wie es eigentlich sollte, aber vielleicht gibt es einen Kompromiss.

 

 

 

Neuer Anfang

Ich mache es noch mal. Vier Jahre habe ich nicht mehr geschrieben, weil ich dachte, ich habe alles gesagt, was es zu sagen gab zum Thema Skoliose. Aber das ist nicht so. Ich habe in den letzten vier Jahren mal viel über die Skoliose nachgedacht, mal wenig, aber sie war trotzdem immer präsent, vor allem im letzten Monat, omnipräsent. Da war ich nämlich in Bad Sobernheim, in der Katharina-Schroth-Klinik. Vier Wochen lang. So fing es an:

Bad Sobernheim, 3.1.2018

Nun bin ich bereits eine Woche in Bad Sobernheim. Nach dem ersten Übungstag mit zwei Übungseinheiten, eine vor- und eine nachmittags, habe ich mir gedacht, o je, hoffentlich geht es so reduziert nicht weiter. Ich hatte zu viel Leerlauf. Am ersten Tag. Dann am zweiten Tag kamen die sogenannten Funktionsübungen – auch jeweils vor- und nachmittags – hinzu. Da wird das Gelernte aus den Anfängergruppenübungsstunden geübt, geübt, geübt. Unter dem korrigierenden Blick verschiedener Therapeuten. Am zweiten Tag konnte man schon erahnen, wie sich der weitere Aufenthalt gestalten würde.

Der Tag ist folgendermaßen strukturiert:

  • Frühstück (sehr gutes Frühstücksbüfett, jedoch Kantinenatmosphäre)
  • anschließend Übungen in der Gruppe. In meiner Gruppe sind 14 Erwachsene, zwei Neunzehnjährige, alle anderen älter, bis 58 Jahre.
  • Der Übungsleiter – ein junger, motivierter Sportwissenschaftler und Physiotherapeut – schaut sich die Skoliosemuster im persönlichen Übungsbuch (das nach der Eingangsuntersuchung vom Cheftherapeuten bestimmt wird) eines jeden Teilnehmers an und richtet danach die persönlichen Übungen aus.
Skoliosenskizze

 

 

 

 

 

 

 

  • In der Anfängerwoche kommen jeden Tag eine oder zwei Übungen dazu, die man dann in den Funktionsübungen alleine – aber unter der Aufsicht von wechselnden Therapeuten – durchführen soll.
  • Mittagessen. Zwei Gerichte zur Auswahl, eines ist mit Fleisch, das andere vegetarisch. Manchmal gibt es Salat dazu, manchmal Gemüse. Das Essen ist nicht schlecht. Essen wie im Internat könnte man sagen, und genau so ist es ja auch. Ein Skolioseinternat.
  • Nachmittags wieder Gruppe, ach ja: vorher aufwärmen im Freien mit Musik. Toll ist das. Nach der Gruppe wieder Funktion. Funktion, auch so ein Wort, das dann jeder benutzt, und jeder weiß, ewas gemeint ist. Internes Vokabular. Bis 17 Uhr, dann Schluss mit Üben.
  • Frühes Abendessen
  • Abends ab 19 Uhr kann man dann noch das Schwimmbad nutzen. Von 19 bis 20 Uhr die Jugendlichen, von 20 bis 21 Uhr die Erwachsenen. Das ist natürlich sehr spät nach einem langen Übungstag. Aber man hat zumindest die Möglichkeit, schwimmen zu gehen. Das Becken ist recht groß und das Wasser 30 Grad warm.
  • Ab der zweiten Woche werden in der Gruppenübungszeit Übungen praktiziert, die nicht zu den Funktionsübungen gehören, die man also nicht alleine üben kann.
  • Außerdem kommen ab der zweiten Woche noch Ergo- und Atemtherapie, außerdem Vorträge sowie Massage hinzu.

 

Übung im Sitzen zwischen  zwei Stäben
Stabilisation