Ballett mit Skoliose

Gerade musste ich daran denken, dass ich eigentlich in meinen jungen Jahren sehr gerne Ballett getanzt habe, wie viele junge Mädchen. Ich bin ein- bis zweimal die Woche zum Balletttraining gegangen, und zwar mit viel Enthusiasmus und mit großer Freude. Ich habe gern getanzt. Ich habe zwar gemerkt, dass die anderen Tänzerinnen irgendwie biegsamer waren als ich, aber das habe ich natürlich nicht mit meiner Wirbelsäule in Zusammenhang gebracht. Wie sollte ich auch? Von krummen verbogenen Wirbelsäulen hatte ich noch nie was gehört und den Fachbegriff Skoliose kannte ich schon gleich gar nicht. In meiner Klasse gab es ein Mädchen, die trug ein Korsett, Ulrike hieß sie. Aber dass damit eine Skoliose begradigt werden sollte, wusste ich nicht. Ulrike sprach auch nie darüber, wozu der Panzer gut sein sollte, und wir alle bemitleideten sie furchtbar. Ein Panzer, der bis zum Hals hinauf ging und der natürlich immer zu sehen war, obwohl sie versuchte, das Teil mit einem Halstuch unsichtbar zu machen. Das klappte natürlich nicht.

Ich war 14 Jahre alt, als meine Skoliose entdeckt wurde. Die linke Hüfte stand etwas raus, ich war etwas schief. Mir selbst ist das nicht aufgefallen, aber meiner Oma. Sie machte meine Mutter darauf aufmerksam, aber die wollte davon nichts wissen: „Ach was, das sieht nur so aus, sie steht krumm da …“

Ja, das war auch eine Möglichkeit, damit umzugehen. „Ich ignoriere das einfach, dann existiert es auch nicht. Oder ich rede es mir schön …“

Aber sie kam trotzdem nicht drum herum, mit mir zum Arzt zu gehen, denn auch im Sportunterricht fiel auf, dass etwas nicht stimmte. Der Orthopäde diagnostizierte dann eine Lumbalskoliose, eine 56-Grad-Krümmung, soweit ich mich erinnere.

„Kann ich dann noch weiter Ballett tanzen?“, fragte ich ihn, denn das war mir wichtig. Das weiß ich nicht, ob Du kannst“, sagte er. Ich glaube, er wollte witzig sein. Für mich war er einfach nur doof. Ich hatte ihm eine Frage gestellt, die mich ernsthaft beschäftigte, und er machte einen Witz … Ich kann mich noch genau dran erinnern, wie er aussah und wie er hieß. Langer Rede kurzer Sinn: Er verbot mir das Ballett und empfahl eine Konsultation bei Herrn Dr. Zielke in Tübingen, dem Arzt, der die Harrington-Stab-Methode aus den USA nach Deutschland gebracht hatte und Skoliosen operativ behandelte.

Meine Mutter und ich fuhren also nach Tübingen, stellten uns vor, und Dr. Zielke erklärte uns, wie so eine OP funktionierte. Mir wurde ganz schlecht: Vorbehandlung ein halbes Jahr (Kopf wird irgendwie irgendwo fixiert …) dann OP, dann Nachbehandlung, die auch noch sehr lange dauert … So genau weiß ich das gar nicht mehr, ich schaltete einfach ab, weil es so schlimm war, was ich mir da anhören musste. Ich erinnere mich, dass wir sprachlos aus dem Sprechzimmer hinausgingen, ich war wie in Trance, erst auf der Straße fing ich an zu heulen. Um mich zu trösten, ging meine Mutter mit mir den nächstbesten Jeansladen, kaufte mir eine weit ausgestellte (wie es damals Mode war), teure Jeans und ein geblümtes T-Shirt. Ich beruhigte mich etwas, aber auf dem Heimweg im Zug fing mein Elend wieder an. Zu Hause erfuhr dann auch mein Vater, was los war.

ausgeträumt

Er sagte zu mir, du brauchst dich nicht operieren zu lassen, wenn du nicht willst. Natürlich wollte ich nicht. Alles so lassen, wie es ist, war für alle die bequemste Lösung, meine Eltern mussten sich nicht mit einer Tochter auseinandersetzten, die eine sehr schwere Operation vor sich hatte, und ich musste mich nicht operieren lassen, keine monatelange Vorbereitung, keine OP, keine Gestell im Rücken, keine Nachbereitung. Wir haben einfach so getan, als wäre nichts. (Und im Nachhinein: Es war die richtige Entscheidung.)

Ich ging allerdings regelmäßig zur Physiotherapie, sie war eine Kombination aus Muskelaufbau und Vojta-Übungen. Ob das jetzt geholfen hat, weiß ich nicht, geschadet hat es auf keinen Fall. Aber ich musste das Ballett aufgeben. Mein Orthopäde fand das nicht gut. Ich finde: Das war totaler Quatsch, warum soll Bewegung schädlich sein? Damals wusste man nicht viel. Es gab kein Internet und keine Netzwerke und geredet wurde auch nicht darüber. Zumindest bei uns nicht.

Ich habe eine Mutter, die das Thema lieber ignoriert hat, als sich damit konstruktiv auseinanderzusetzten. Dabei wäre es für sie kein Problem gewesen, an Informationen heranzukommen. Sie arbeitete nämlich in einem Krankenhaus als Krankenschwester. Das heißt, es wäre kein Problem gewesen, sich schlau zu machen.

Aber kein Schaden ohne Nutzen. Hätte ich Eltern gehabt, die sich ernsthaft informiert, Vor- und Nachteile abgewogen, die Langzeitkonsequenzen einer Skoliose ohne OP berücksichtigt hätten, dann wäre ich vielleicht operiert worden … Das bin ich nun nicht. Aber ich habe immer viel Sport gemacht, und das war gut so. Ich kann nicht sagen, wie es mir heute ginge mit so einem Gestell im Rücken. Den Frauen in meinem Alter mit einem Harrington-Stab im Rücken, geht es nicht gut. Also zumindest denen, die ich kenne: Schmerzen, Unbeweglichkeit, Stabbruch … Ich bin krumm, das ist einfach so, aber ich habe in meinem Leben noch nie eine Schmerztablette wegen Rückenschmerzen genommen. Und ich kann Sport machen und schwimmen und tanzen … so viel ich will.

Stabilisation statt Ballett

 

Depressive Gedanken

So, nun habe ich länger nicht geschrieben, ich glaube ein paar Monate nicht mehr, und zwar deswegen, weil ich nicht mehr in das Programm reingekommen bin. Passwort vergessen, neues Passwort nicht notiert, auch vergessen, dann keine Lust mehr gehabt.

Dennoch habe ich mich nach wie vor sehr viel mit meiner Wirbelsäule beschäftigt, sowohl gedanklich als auch sportlich. Ich schaue sie mir allerdings nie mehr im Spiegel an. Heute jedoch habe ich eine Ausnahme gemacht, und ich muss sagen, der Anblick meines Rückens zieht mich runter. Mein Rücken ist krumm, da gibt es nichts zu beschönigen. Ich habe dann gleich wieder weggeschaut und war den Rest des Tages deprimiert. Also schaue ich nicht mehr in den Spiegel. Ich meine, ich schaue mir meinen Rücken nicht mehr an. Es ändert sich ja nichts durchs Mal-kurz-Schauen-wie’s-aussieht. Die Situation bleibt die Gleiche, nur bin ich anschließend deprimiert. Also schaue ich gar nicht mehr, sondern gehe stattdessen zum Walken.  Das puscht mich wieder, auch wenn ich sehr müde bin, nach einem Arbeitstag im Büro zum Beispiel. Aber dennoch: Aus einem skoliotischen Rücken, der den ganzen Tag in einer bestimmten Haltung am Schreibtisch positioniert wird, kann nix Positives werden, oder?

Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht wirklich, ob die Schroth-Atemgymnastik bei mir was hilft. Rein gefühlsmäßig würde ich sagen, dass ein spezielles Krafttraining, das die Muskulatur stärkt und aufbaut, für mich die bessere Option ist. Deswegen habe ich neben Kieser noch ein Personal Training begonnen. Ich mache das jetzt seit ein paar Wochen und bin überrascht, wie gut ich mich nach den Anstrengungen fühle. Ich war ja fest davon überzeugt, dass es nichts Besseres für Skoliose-Patienten gibt als Schwimmen. Aber jetzt denke ich, dieser gezielte, personalisierte Muskelaufbau wirkt sich sehr sehr positiv aus auf meine Skoliose, in Kombination mit Schwimmen (am besten Kraulen) ist dieser Übungsplan perfekt für mich (ich habe – noch mal zur Erinnerung – eine Krümmung von nahezu 70 Grad)

Eine nahezu 70-Grad-Krümmung

 

 

 

 

 

 

Die Skoliose bei literarischen Figuren

Richard III. und Shakespeare

Richard III. (2.10.1452–22.8.1485) war von 1483 bis zu seinem Tod 1485 König von England.

Er litt, wie es Forscher der University of Leicester durch Röntgenaufnahmen belegen, an einer rechtskonvexen 70-Grad-Verkrümmung der Wirbelsäule im Brustbereich. Richards Skelett wurde erst im Jahre 2013 von britischen Archäologen unter einem Parkplatz in Leicester gefunden. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass es sich bei dem Skelett um die Überreste des englischen Königs Richard III. handelte, dessen Gebeine als verschollen galten.

1597 macht ihn Shakespeare in seinem Drama „Die Tragödie von Richard III.“ zu einem bösartigen, hässlichen, verwachsenen Krüppel: Richard, der wegen seines Aussehens nicht zum Liebhaber taugt, entscheidet sich nun, ein schlechter Mensch zu werden. Er entledigt sich aus Machtgier seiner beiden Brüder, einer davon ist der regierende König von England. Der zweite Bruder wird in einem Weinfass ertränkt. Und so beseitigt Richard einen Rivalen nach dem anderen, bis er – nach einer langen Mordserie – selbst getötet wird.

Der historische Richard III. litt an einer Skoliose, und sicher war diese Fehlbildung der Wirbelsäule deutlich sichtbar, sonst wäre Shakespeare ja gar nicht erst auf die Idee gekommen, ihn als „malicious, power-hungry and bitter about his physical deformity“ (sparknotes.com) zu beschreiben.

Aber ob er ein so schlimmer Bösewicht war wie Shakespeares Drama, sei mal dahingestellt. Ich denke, durch seine Optik war er bereits ein Außenseiter, und es bot sich an, ihn auch zu einem außergewöhnlichen Charakter zu machen.

Es gibt einen wunderbaren Richard III. an der Berliner Schaubühne mit Lars Eidinger in der Titelrolle. Lars Eidinger trägt einen Lederbuckel, humpelt über die Bühne und spielt seine Rolle erschreckend böse.

Lars Eidinger als
Richard III.

Worauf ich die hinaus will: Der Böse in Shakespeares Drama ist gekennzeichnet durch einen „Buckel“, der „Buckel“ wird zum spezifizierenden Attribut.

Bucklige Außenseiter sind auch Quasimodo aus „Der Glöckner von Notre-Dame“ von Victor Hugo und „Rigoletto“ aus Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wieder in München

München, 26.1.2018

Seit vorgestern bin ich wieder zu Hause in München. Vier Wochen Bad Sobernheim, die Zeit verging wie im Flug. Ich war sofort wieder im Alltag und habe das Gefühl, gar nicht weg gewesen zu sein. Am Fahrttag habe ich nichts gemacht. Ich meine, kein Schrothen, keine Gymnastik, kein Schwimmen. Das habe ich mir erlaubt. Gestern jedoch, ging es wieder weiter: morgens Schwimmen, mittags eine halbe Stunde Schroth – „jeden Tag 30 Minuten Schroth-Übungen“, das wurde uns in der Rehaklinik sehr ans Herz gelegt. Ich habe also tatsächlich gleich damit angefangen. Gestern Abend dann noch Kieser-Training … Und heute morgen bin ich mit Schmerzen in der Hüfte aufgewacht. Komisch, oder? Ich habe mich dann nach zwei großen Tassen Kaffee ins Schwimmbad aufgemacht, um den Schmerzen mit Kraulen entgegenzuwirken. Hat geklappt. In der Mittagspause wieder Schroth. Ich habe mir vier Übungen mit nach Hause genommen, und diese vier Übungen (Muskelzylinder, Schulterzug, zwischen zwei Stäben und Sprossenheber) decken genau eine halbe Stunde ab. Das funktioniert. Ich habe natürlich nicht das professionelle Equipment wie in Bad Sobernheim, aber mit Stühlen, Thera-Band, Türrahmen und etwas Fantasie kann man sich zu helfen wissen.

Komme gerade aus den Kammerspielen und habe mir ein Tanztheater angesehen.

Rückenfeindliches Tanztheater

Die Zuschauer mussten auf dünnen Schaumstoffmatratzen, die auf dem Boden lagen, sitzen. Das war sehr unbequem und sicher auch nicht gut für die Wirbelsäule. Durch diese Sitzordung waren die Zuschauer den Tänzern ziemlich nah, und was ich im Detail gesehen habe, ließ mich gleich wieder wegschauen. Eine Tänzerin musste sich dermaßen verrenken und fiel immer wieder auf den Rücken, dass ich ein sehr ungutes Gefühl bekam. Wir haben in Bad Sobernheim unsere Wirbelsäulen gepflegt, gestreckt und gut behandelt, und diese Tänzerin macht genau das Gegenteil. Sie staucht, sie verdreht, sie quält ihre Wirbelsäule, ihr Rücken hält das aus. Wie schön muss es sein, eine gerade Wirbelsäule zu haben. Ich kenne das gar nicht.

 

München, 16.4.2018

 Resümee

 Jetzt bin ich bereits seit rund zehn Wochen wieder in München. Seit zehn Wochen wieder im Alltag. Deswegen stelle ich mir die Frage: Was haben diese vier Wochen Bad Sobernheim bewirkt. Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Wie ich in meinem letzten Blogeintrag lese, habe ich ja gleich mit Schmerzen in der Hüfte zu kämpfen gehabt. Aber das ging auch sehr schnell wieder vorbei. Das Schwimmen, genauer gesagt, das Kraulen hat mir dabei geholfen. Geschrothet habe ich – wie die Empfehlung der Klinik war – jeden Tag. Gut.

Was ich zuerst sehr vermisst habe, war der strukturierte Tagesablauf, die täglichen Trainingseinheiten und das Feedback der Therapeuten. Aber man kann sich so einen Tagesablauf auch selbst schaffen. Morgens vor der Arbeit schon Sport, abends nach der Arbeit auch wieder. Und wenn man die Energie und die Möglichkeit dazu hat, kann man in der Mittagspause (nicht jeden Tag, das wäre dann doch zu anstrengend) in einem Schwimmbad seine Bahnen ziehen. Oder auch abends, wenn man nach einem langen Bürotag nicht zu müde ist. Aber man weiß ja, wozu man das macht!

 

Hildegard von Bingen

Bad Sobernheim, 21.1.2018

Sonntag, das übliche Programm: spätes Frühstück (8.30 Uhr) in guter Gesellschaft. Eine Mitpatientin und ihre Mutter setzten sich an meinen Tisch. Es entwickelte sich ein wirklich gutes, kluges Gespräch. Meine Mitpatientin C. hat ebenfalls – also wie ich – eine ausgeprägte Skoliose.
C. wollte sich nicht operieren lassen und arbeitet auch sehr intensiv an ihrem Körper. Schroth-Reha jedes Jahr. Die Mutter begleitet sie. Die Mutter denkt wie ich: Eine OP komme für C. nicht in Frage, aber es gäbe diese Möglichkeit eben auch, und ein Arzt müsse diese Option selbstverständlich ansprechen. Entscheiden müsse der Patient. Stimmt.

Nach dem Mittagessen machten N., C. und ich uns auf und fuhren mit N.s Auto zur Klosterruine Disibodenberg, in der Hildegard von Bingen gewirkt hat. Die Klosterruine war zerfallen und durch die winterliche Witterung wirkte sie etwas desolat. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sie im Sommer sehr geheimnisvoll und idyllisch ist.

Es waren kaum Menschen unterwegs, und wir sind den Rundweg gelaufen, haben in der kleinen Kapelle Kerzchen angezündet und die Stimmung auf uns wirken lassen.

Anschließend sind wir in unserem Lieblingscafé „Sommercafé an der Nahe“ eingekehrt. Dort herrscht eine wirklich sehr angenehme und positive Atmosphäre. Ich bewundere immer den wunderbaren selbstgemachen Kuchen, der dort angeboten wird, und habe beschlossen, mit sofort eine Backform zu kaufen, wenn ich wieder in München bin, um den Kuchen nachzubacken. Und um mich an Bad Sobernheim zu erinnern.


Bad Sobernheim, 24.1.2018

Letzter Tag …

… und jetzt bin ich schon ein bisschen traurig. Diese vier Wochen waren eine sehr intensive Zeit, in jeder Beziehung. Mal sehen, wie es mit mir zu Hause weitergeht …

Üben

 

 

 

 

 

 

Endspurt

Bad Sobernheim, 17.1.2018

Heute reisen fast alle ab, die mit mir angekommen sind. Das ist sehr schade, weil wir eine gute Gruppe waren. Wir hatten viele und gute Gespräche, haben am Wochenende schöne Spaziergänge gemacht, und auch beim Essen saßen wir immer zusammen.
Ich habe nun ein bisschen sozialen Stress, weil das Ganze jetzt wegfällt und weil ich mir nun einen neuen Kreis suchen muss.

Ich hatte dann noch ein ärgerliches Gespräch mit einer Mitpatientin. Meiner Meinung nach war sie sehr wenig reflektiert, was Skoliosen-OPs angeht. OP – kein Problem, man wird wieder gerade, hat keine Schmerzen. Und gut! Na ja, sie war nicht so krumm, dass sie tatsächlich über eine OP hätte nachdenken müssen.

Vielleicht ist es in manchen Fällen notwendig zu operieren … Ich weiß es nicht, ich bin medizinischer Laie, aber bin ein Experte für meine eigene krumme Wirbelsäule. Ich weiß, wie ich mich damit fühle, ich weiß, wie ich aussehe, und ich weiß, wie Menschen auf mich reagieren, wenn sie mich im Badeanzug sehen. Ich weiß, was ich machen muss, wenn es anfängt wehzutun. Ich habe es im Griff.
Ich weiß nicht, ob ich es im Griff hätte, wenn ich einen Harrington-Stab im Rückgrat hätte.

Die Harrington-Stab-Methode, die in den Siebzigerjahren praktiziert und damals natürlich gehypt wurde, gibt es nicht mehr. Warum nicht?

In Isny habe ich zwei Harrington-Stab-Patienten kennengelernt. In meinem Alter. Denen ging es nicht gut.

Wie wird es den jungen Patienten,, die heute operiert werden, in 40 Jahren gehen? Das weiß niemand, denn die Erfahrung fehlt noch.

 

18.1.2018

Nur noch ein paar Tage …

Seit gestern sind meine liebsten Mitpatienten, mit denen ich mich gut verstanden und viel Zeit verbracht habe, wieder weg. Es ist schon ein bisschen traurig, unser großer Tisch ist verwaist, das heißt, nein, denn es kommen neue Patienten. Ich habe keine Lust mehr. Zum ersten Mal seit ich hier bin eigentlich. Sicher hängt das mit der veränderten Situation zusammen. Mir wird das gerade alles bisschen viel.

Gestern wütete der Orkan Friederike in ganz Deutschland. Hier in Bad Sobernheim nicht. Es war eher mild und ganz windstill.

Die Therapien werden mir gerade auch zu viel. Dort, wo der Atemreiz gesetzt wird, also im Lendental, habe ich einen Ausschlag bekommen. Auch das noch.

Außerdem hat mir gestern ein Therapeut beim Üben gesagt, wenn ich nicht mehr könne, dürfe ich ruhig mal eine Pause mehr machen. Was? Wie kommt er darauf? Habe ich einen erschöpften Eindruck gemacht? Sehe ich so zerbrechlich aus? Ist meine Wirbelsäule so verbogen, dass er ihr nicht viel zutraut?

Außerdem zweifle ich auch gerade an der Wirksamkeit der Therapie. Ich bin ja kein bisschen gerader geworden, ob die Haltung sich verbessert hat, kann ich nicht sagen. Schmerzen hatte ich keine, als ich herkam. Also musste schmerztechnisch auch nix behandelt werde.

Ach so, eine kleine Veränderung gab es doch. Ich kann wieder richtig gut brustschwimmen: Die Beinbewegungen machen mir keine Probleme mehr.

Ich werde aber weiterhin Kraulen üben, denn ich bin weiterhin überzeugt davon, dass Kraulen sehr gut ist für die Rückenmuskulatur. Ich brauche aber eine Schwimmbrille, die letzte habe ich verloren.

Große Zweifel

Ich zweifle an der Schroth-Therapie. Hätte ich in diesen vier Bad-Sobernheim-Wochen statt zu schrothen extremen Muskelaufbau betrieben und wäre jeden Tag kraulen gegangen, wäre das nicht ebenso „erfolgreich“ gewesen für meine Wirbelsäule? Vier Wochen für eine Therapie, die was genau bewirkt hat? Katharina Schroth hat ihre Skoliose-Patienten über Monate täglich stundenlang behandelt. Da sieht das vielleicht ganz anders aus. Aber drei beziehungsweise vier Wochen, die dann plötzlich eine Besserung, also Begradigung der Krümmung bewirken sollen? Und zwar auch bei Erwachsenenskoliosen, die ja doch nicht mehr so biegsam sind?

Ich weiß nicht, irgendwie passt das alles nicht. Die Erwachsenen machen genau die gleichen Übungen wie die Kinder und Jugendlichen. Gestern im Funktionsübungsraum ist eine schon etwas ältere Frau mir einer starken Skoliose (sie geht an einem Rollator) gestürzt. Ich glaube, sie hat gerade „Zwischen zwei Stäben“ geübt und konnte sich nicht mehr halten. Natürlich halfen ihr die besorgten Therapeuten gleich, aber wenn eine so beeinträchtigte Patientin übt, sollte sie dann nicht besonders betreut werden? Zwischen all den in meiner Wahrnehmung kerzengeraden, schlanken, fitten Jugendlichen?

Gestern beim Mittagessen saß ich mit einer jungen Frau zusammen, die eigentlich ein Korsett trägt. Das Korsett machte ihr Probleme, und sie hätte es hier gern einmal anschauen und sich beraten lassen. Doch das ging nicht. „Da müssten Sie zu Ihrem Orthopäden und Korsettbauer zu Hause gehen“, bekam sie zur Antwort.

Menschliche Kontakte

Bad Sobernheim, 14.1.2018

 Wenn man in eine Rehaanstalt fährt, muss man sich an viele neue Dinge und Situationen gewöhnen. Fremde Umgebung, fremde Therapeuten, fremde Menschen. Aber alle Patienten haben die gleichen Anfangsvoraussetzungen.

Manche Patienten kennen die Einrichtung bereits, weil sie schon mal da waren. Sie finden sich dann schneller mit den Räumlichkeiten zurecht und haben einen kleinen Vorteil.

Ich zum Beispiel war noch nie hier und musste am zweiten Tag den Raum für meine verordnete Atemtherapie finden. Da der vorhergehende Termin (Gruppe Schroth) mir nur fünf Minuten Zeit ließ zum Anziehen, Zusammenpacken und Raum-Finden, kam ich zehn Minuten zu spät zum vereinbarten Termin. Die Atemtherapeutin reagierte natürlich etwas ungehalten, schimpfte die verbleibenden zehn Minuten vor sich hin und verleidete mir und wahrscheinlich auch sich selbst die Therapie.

So etwas gehört eben zu den Anfangsschwierigkeiten. Hinzu kommt das Soziale (manchmal wird sogar sozialer Stress draus). Mit wem komme ich gut zurecht? Mit wem kann ich mich gut unterhalten? Und wenn es keine Sitzordnung gibt bei den Mahlzeiten: Wo setzte ich mich hin?

Manchmal trifft man auf merkwürdige Menschen, die den Eindruck erwecken, als hätten sie etwas gegen einen, obwohl man sich nicht kennt und noch nie im Leben gesehen hat. Da stimmt dann etwas nicht. Man kann diesen Menschen, die man aus unerklärlichen Gründen nicht sympathisch findet, nicht aus dem Weg gehen, denn man trifft sie ja ständig in den Therapiegruppen, beim Training, im Speisesaal.

Man kann sie nur ignorieren und sich anderen zuwenden. Die gibt es ja auch. Patienten, zu denen man gleich einen Draht hat und mit denen man auch gemeinsam essen will zum Beispiel. So ein Sanatorium ist eine künstliche Welt. Ein kleines eigenes Universum.

Hier, in Bad Sobernheim, geht es nur und ausschließlich um Skoliosen (viel) und Kyphosen (wenig), und zwar den ganzen Tag. Beim Training mit gut sichtbarer Wirbelsäule, schaut man sich die anderen an, denkt manchmal, o je, wie sieht der oder die denn aus? Dann, mit der Zeit, gewöhnt man sich an alle, bis die alten Mitpatienten abreisen und neue anreisen.

Man bekommt nicht so viel mit, was draußen passiert. Sicher schaut man schnell mal in die Tageszeitung oder in seine Handy-App, aber dann geht es gleich wieder zum nächsten Behandlungstermin.

Bei Abreisen tauscht man Adressen aus und verspricht – und das ist in dem Moment auch ernst gemeint – Kontakt zu halten oder sogar sich zu besuchen. Aber ich denke, dass funktioniert in den wenigsten Fällen.

Der Alltag ist wieder da, die Strukturen, und die Reha mit den neuen angenehmen oder auch unangenehmen Kontakten ist weit weg.

Diese sozialen Kontakte sind flüchtig und nur während der Reha wichtig. Man geht in therapiefreien Zeiten gemeinsam in den Ort, manchmal abends auf einen Wein, unternimmt an Wochenenden gemeinsam Ausflüge.

Vielleicht vergießt man sogar beim Abschied ein paar Tränen, und auch die sind in dem Moment ehrlich gemeint, aber genauso schnell wieder vergessen.

Zu Hause warten dann wieder die ganz normalen Alltagsprobleme und das gewohnte soziale Umfeld.

 

14.1.2018 (abends)
Aqua Aerobic

Heute, weil Sonntag ist, fand vormittags Aqua-Aerobic statt und nicht wie sonst das normale Schroth-Programm. Aqua-Aerobic ist natürlich freiwillig, denn am Wochenende muss niemand, aber jeder könnte, wenn er wollte. Und ich nehme natürlich mit, was ich kriegen kann. Deswegen bin ich hier.

Nachmittags haben wir dann einen langen Spaziergang gemacht, zwei meiner Mitpatientinnen und ich. Ich glaube, im Sommer sind Bad Sobernheim und der Hunsrück ganz schön. Jetzt, mitten im tiefsten Winter, ist um 17 Uhr, wenn wir an den Übungstagen mit unserem Programm fertig sind, alles schon stockduster. Sich die Landschaft anschauen geht dann nicht mehr.

Trotzdem, nach unserem langen Spaziergang an der Nahe sind wir dann wieder im „Sommercafé“ eingekehrt. Dort gibt es „Tränchenkuchen“, das ist ein wunderbarer Käsekuchen mit einer Schicht Baiser auf der Käsemasse. Den kenne ich gar nicht, den gibt es bei uns in München nicht. Ich glaube, den kennt man nur hier in dieser Gegend. Aber er ist wunderbar, und ich werde ihn zu Hause nachbacken.

Also, heute „nur“ Aqua Aerobic und Spaziergang. Trotzdem bin ich abends wahnsinnig müde. Um 21 Uhr fallen mir hier regelmäßig die Augen zu. Den „Tatort“ kann ich nicht zu Ende anschauen, und ich weiß leider nicht, wer der Mörder war.

Ein ganz normaler Übungstag

Bad  Sobernheim, 12.1.2018

 

Übungsraum mit Equipment

Die übliche Tagesstruktur:

Funktion
Gruppe
Mittagspause
Gruppe
Funktion
Spaziergang in den Ort
Schwimmen
Bett
Schlafen
Gute Therapeuten, gutes Essen, und schlafen tue ich nach diesen vielen Aktivitäten ohnehin gut.

Vor den Gruppenstunden gibt es jedes Mal eine Aufwärmphase, zwanzig Minuten Bewegung nach Musik. Das macht wach und bringt Spaß. Man geht dann gleich mit einer guten Laune zu den Schroth-Übungen.

Nur eine Sache stört mich: Ich hatte immer noch kein Chefarztgespräch, was mir sehr wichtig wäre. Ich habe darum gebeten. Zweimal bereits. Wenn sich nach dem Wochenende nix tut, dann gehe ich nach den Übungen am  Montag einfach zum mysteriösen Chefarzt (mysteriös deshalb, weil ich schon viel von ihm gehört habe, aber noch nie gesehen)  und stelle meine Fragen. Mir fallen übrigens immer mehr ein …

Vor allem nach dem medizinischen Vortrag von vorgestern, bei dem gesagt wurde, dass man Skoliosen ab 50 Grad operieren sollte. Das wurde einfach so gesagt. Was aber nicht gesagt wurde, war, wie ist die Nachsorge, wie sind die Schmerzen, wie lebe ich mit einem versteiften Rücken? Vielleicht machen es sich die Ärzte doch etwas zu leicht: Operation, und dann ist alles gut? Das optische Erscheinungsbild wird angepasst, wunderbar, denn auch das Kosmetische spielt eine große Rolle, denn niemand möchte schief und krumm sein und einen „Buckel“ haben. Die inneren Organe (Lunge, Herz, eventuell Magen und Darm) werden durch die OP wieder in Position gebracht. Das hört sich in der Theorie ja erst mal gut und vielversprechend an. Vielleicht fühlt sich der Patient nach der schlimmen und sicherlich auch schmerzhaften Post-OP-Zeit tatsächlich besser und schöner. Aber wie geht es dem Patienten dreißig oder vierzig Jahre nach der OP? Es gibt noch keine Langzeiterfahrung mit den heutigen OP-Methoden.

Ich habe bei meinen Reha-Aufenthalten in Isny Patienten kennengelernt, deren Wirbelsäulen vor 40 Jahren mit einem Harrington-Stab begradigt wurden. Es geht ihnen heute nicht gut …

Gestern Abend lief ein Bericht auf 3SAT, in dem es um Wirbelsäulenversteifungen ging. Die Kliniken verdienen damit natürlich auch eine Menge Geld. Die Krankenkassen bezahlen.

 

Ärger mit der Küchenfrau

Bad Sobernheim, 11.1.2018

Heute gab es einen ärgerlichen Vorfall in der Kantine: Der Speiseraum war sehr voll, alle Patienten wollten zur gleichen Zeit essen. Nachdem alle satt waren und die Ersten die Kantine wieder verließen, wollte ich mir noch einen Tee holen, um mich damit zu meinen Lieblingsmitpatienten zu setzen. Ich nahm an der Teemaschine also eine Tasse sowie einen Teebeutel und drückte auf den Heißwasserknopf. Doch dann hörte ich eine unangenehme, laute Stimme: „Das sind die Tassen für den Milchkaffee, und für den Milchkaffee muss man bezahlen. Nehmen Sie beim nächsten Mal eine andere Tasse.“ Ich war schon etwas sprachlos, vom Küchenpersonal vor versammelter Mannschaft zurechtgewiesen zu werden.
„Danke für die Belehrung.“
Dann sagte sie auch noch „Bitte“.
„Bitte“ – das muss man sich einmal vorstellen.
U., meine liebe Mitpatientin aus Hamburg, meinte dann nur: „Ärgere Dich nicht – Ungemach schwimmt vorbei.“
Ich habe ich mich trotzdem geärgert.
Gut. Erledigt.

Corpus Delicti

Nach der Mittagspause ging es weiter mit dem üblichen zwanzigminütigen Aufwärmtraining im Freien zu super Musik. Das ist toll, macht mir viel Spaß und hebt meine Laune.
Dann Gruppe: Muskelzylinder im Knien, Dehnübungen.
Dann wieder Funktion.
Nach meinem mittlerweile zweiwöchigen Aufenthalt hier merke ich, dass sich was tut mit meinem Körper. Aufrecht und gerade werde ich natürlich nicht mehr, aber meine Haltung und mein Körpergefühl verbessern sich. Meine Schultern und meine Oberarme sind sehr viel definierter nach dem zweiwöchigen Training. Durch das viele Schwimmen waren die Oberarme ohnehin schon muskulös, jetzt sehen sie noch etwas anders aus. Das freut mich.
Abends noch sechs Bahnen schwimmen, dann fertig für den Tag.

 

Sozialgespräch

Bad Sobernheim, 10.1.2018

Gestern fand mein Sozialgespräch statt, um das ich gebeten hatte. Das Sozialgespräch mit mir war eigentlich gar nicht vorgesehen, weil ich auf privater Basis hier in der Katharina-Schroth-Klinik bin, dass heißt, ich bezahle die Reha selbst. Das Antrag-Stellen, Ablehnung von der Rentenversicherung, Einspruch über meinen Hausarzt, weil ich keinen Orthopäden mehr habe, wieder
Ablehnung … Darauf hatte ich keine Lust und auch keine Energie. Also habe ich statt der nächsten zwei Urlaube Bad Sobernheim gebucht. Vier Wochen. Und wie es sich jetzt schon herausstellt, war es die richtige Entscheidung.

Üben, üben, üben

Nichtsdestotrotz war mir ein Gespräch wichtig, da ich mich über eine Erwerbsminderungsrente informieren wollte. Nicht weil ich wegen Schmerzen oder irgendwelcher anderer Einschränkungen nicht mehr arbeiten kann oder will, sondern weil ich Zeit brauche, um die Stabilität meiner Wirbelsäule so zu erhalten, wie sie jetzt ist. Und das geht nicht, wenn ich Vollzeit arbeite. Aber das ginge, wenn ich einen halben Tag meiner Arbeit widme und die andere Hälfte des Tages meiner Wirbelsäule. Aber das wird von der Rentenversicherung – denke
ich – nicht akzeptiert. Ich müsste starke Schmerzen haben oder mich nicht mehr bewegen können oder an irgendeiner anderen Einschränkung leiden, dann wäre ich erwerbsminderungsberechtigt. So wurde mir das im Sozialgespräch erklärt. Also, wenn ich die Verantwortung für meine Gesundheit selbst übernehme, aber einfach Zeit brauche, um sie zu erhalten, dann wird das nicht akzeptiert. Würde ich mich operieren lassen mit allen Konsequenzen und allen Kosten, die durch eine OP und deren Nachsorge anfallen, ja, dann wäre das was anderes. Eigentlich komisch, oder?