Verbogen

krummer Schatten
krummer Schatten?

Dass sich meine Wirbelsäule irgendwie verändert hat, habe ich vor ungefähr zehn Monaten gemerkt, bzw. nicht ich, sondern eine Kollegin hat mich beim Gang in die Kantine gefragt, was ist los, hast Du Magen- oder Rückenschmerzen, Du läufst krumm! – Nein, ich hatte keine Magenschmerzen, auch keine Rückenschmerzen, ich selbst habe nichts bemerkt. Ich saß eben den ganzen Vormittag in gekrümmter Haltung am Computer und auch beim Gehen war ich noch gekrümmt. Zu Hause habe ich mich dann vor den Spiegel gestellt und mich aufmerksam und kritisch betrachtet. Stimmt, ein wenig mehr nach rechts gebeugt war ich schon. Komisch, war mir gar nicht aufgefallen. Oder, ganz ehrlich, ich wollte einfach nicht, dass es so war. Aber wenn ich zurückdenke, dann habe ich genau diesen Gedanken auch schon mal gehabt: Sieht irgendwie schiefer aus, die ganze Haltung, habe diesen Gedanken aber sofort wieder verdrängt.
Weil, was nicht sein darf, kann nicht sein.

Ich wage jetzt mal ein Gedankenspiel:

Beginn der Krümmungsverschlechterung: eventuell November 2011. Damals hatte ich drei Monate andauernden Kummer, der mich Tag und Nacht beschäftigte. Ich habe die Gymnastik vielleicht ein ganz kleines bisschen vernachlässigt – wenn überhaupt –, das Schwimmen aber nicht. Im Gegenteil. Das war in meiner damaligen Lage eine gute Therapie. Ich habe etwas weniger gegessen, die Nährstoffzufuhr (Calcium, Vitamin D, was ja wichtig für die Knochen sein soll), war wohl etwas eingeschränkt, aber daran konnte es nicht ausschließlich liegen, oder?
Die Situation war die: Mir ging es nicht gut, seelisch, ich war geknickt. Der Auslöser für diese psychische Disposition war ein privater Umstand, der mich in eine enorme emotionale Schieflage brachte. Ja, in eine Schieflage, die sich mit der Zeit auch optisch bemerkbar machte. Kann so was sein? Der von mir im Rückblick angenommene Zeitpunkt der Wirbelsäulenverschlechterung fiel auf jeden Fall mit einem ständigen Gefühl der Demoralisierung zusammen, ich könnte auch eine Metapher dafür verwenden: Mir wurde fast das „Rückgrat gebrochen“. Aber nur fast. Doch krummer ist es geworden. Das reicht auch.

So jetzt noch zwei passende metaphorische Begriffe zum Schluss:
Ich will mich nicht mehr „verbiegen“ lassen. Ich werde „Rückgrat zeigen“!
So ein Klischee!

Sichtbar

Bin wieder zurück aus Sylt. Und bin auch gleich wieder bei meiner Physiotherapeutin gewesen. Sie ist keine Schroth-Therapeutin, aber durch ihre jahrzehntelange Erfahrung macht sie mit mir Übungen, die sehr in die Schroth-Richtung gehen. Und die tun meiner Wirbelsäule gut, das spüre ich. So, langer Rede, kurzer Sinn: Sie hat sofort gemerkt, dass ich während meines Sylt-Aufenthaltes auf die Gymnastik-Übungen verzichtet habe (wovon sie aber gar nichts wusste). Dass ich – nicht aus Faulheit, sondern, weil ich die Gymnastik durch das Am-Strand-Laufen ersetzt habe – die Übungen für den kurzen Zeitraum ausgesetzt habe. Ich war überrascht. Mir war nicht ganz klar, wie man nach nur einer Woche Gymnastik-Verzicht eine Veränderung bemerkt. Frau A. meinte, die Muskulatur verändere sich, die Kraft, die Haltung. Diese Erkenntnis ist ein so offensichtlicher Beweis für die Wirksamkeit der Gymnastik. Jetzt verstehe ich auch oder zumindest glaube ich zu verstehen, was mein großartiger Physiotherapeut aus Isny meinte, als er von „Stabilisation“ sprach, wenn er die Übungen kommentierte.

Jetzt möchte ich es aber doch wissen, was genau mit der Muskulatur und was genau mit der Wirbelsäule passiert, während ich übe. Ich muss mich schlau machen, denn schließlich soll dieses Wissen um die eigene Wirbelsäule, um den eigenen Körper kein Herrschaftswissen sein, beziehungsweise kein Therapeutenwissen, von dem der eigentlich Betroffene ausgeschlossen wird, aus welchen Gründen auch immer. Das sagt eben auch Christa Lehnert Schroth (Tochter von Katharina Schroth) in ihrem Buch „Dreidimensionale Skoliosebehandlung“:

„Zur Behandlung einer Skoliose gehört als unerlässlich wichtig, dass nicht nur der Behandelnde um die anatomisch-physiologischen Voraussetzungen und die Wirkungsweise der Übungen weiß, sondern auch der Übende.“

Buch zur Schroth-Therapie mit sehr vielen anschaulichen Fotos
Buch zur Schroth-Therapie mit sehr vielen anschaulichen Fotos

Ich finde das Buch großartig und ermutigend. Es erschließt sich einem nicht immer gleich (also zumindest mir nicht) bei der ersten Lesung, man muss sich erst einarbeiten und Geduld haben und gegebenenfalls einen Satz dreimal lesen, bis man den Inhalt versteht, beziehungsweise bis man die Theorie, die hinter der Praxis steht, begreift. Es sind wirklich tolle Fotos: realistisch, von richtigen skoliosebetroffenen Menschen, vor der Schroth-Behandlung und nach der mehrwöchigen Therapie. Selbstverständlich sieht man die Skoliose immer noch, denn so ist es eben, aber die Haltung hat sich verändert, es hat eine Aufrichtung stattgefunden. Und die gibt es nicht von alleine. Diese optische wunderbare Veränderung bedeutet üben, üben, üben und noch mal üben. Während ich das jetzt hier schreibe, denke ich , dass ich eigentlich jetzt auch üben sollte, aber das mache ich dann anschließend. Ich spreche jetzt nur von der Optik. Ich weiß, dass viele Skoliose-Betroffene Schmerzen leiden,  aber zu diesem Thema kann ich nichts sagen, ich habe keine Schmerzen. Aber so wie ich die Schroth-Therapie verstanden habe, soll sie auch ein Schmerztherapeutikum sein.

Muskelzylinder mit Ball
Muskelzylinder mit Ball
Muskelzylinder (so heißt diese Übung)
Muskelzylinder mit Hocker
Übung: angeschnallt an der Sprossenwand zwischen zwei Stäben; schreckliche Übung aber wirksam
Übung: angeschnallt an der Sprossenwand zwischen zwei Stäben; schreckliche Übung, aber wirksam

Ganz ehrlich: Die Schroth-Übungen sind nicht attraktiv, nicht schön, außerdem langweilig, weil sie so statisch sind. Aber eben so wirksam. Gerade habe ich beschlossen, ein richtiger Schroth-Meister zu werden. Am liebsten wäre mir ein Mitturner, dann könnte man sich gegenseitig korrigieren und motivieren. Und hinterher gibt’s ein Kaltgetränk.

Gegen den Wind

30.10.

15 Uhr

Meer und Sand
Meer und Sand
Qualle
Qualle und Schatten

 

15-km-Marsch. Am Strand entlang. Durch den Sand. Das war sehr anstrengend. Aber ich habe es während des Laufens gar nicht bemerkt. Ich hatte nämlich ein Gespräch mit meinem Orthopädietechniker. Ein fiktives Gespräch natürlich. Es ging um mein „Nachtkorsett“. Die Aussagen meines Technikers waren so wie im Folgenden. Meine Fragen und Anmerkungen dazu hätten so sein können, sind mir aber erst im Nachhinein eingefallen. Und mir ist zu diesem Thema sehr viel eingefallen. Immer wieder in verschiedenen Varianten. Aber – wie es immer so ist: Die klugen Bemerkungen kommen erst dann, wenn die reale Konversation schon längst vorbei ist.

Das fiktive Gespräch mit meinem Orthopädietechniker findet statt, während er den Gipsabdruck meines Rückens macht.

(I = ich; OT = Orthopädietechniker)

I: Dieses Korsett muss ich nur zur Nacht tragen, zum Glück. Es ist ja ein Nachtkorsett.

OT: Ja, aber das unterscheidet sich nicht von einem Tageskorsett.

I: Und wie unterscheidet sich jetzt mein Tages/Nachtkorsett zu dem Tages/Nachtkorsett einer 15-Jährigen, zum Beispiel?

OT: Gar nicht.

I: Das verstehe ich nicht. Kann man denn die Wirbelsäule einer schon lang erwachsenen Frau gleich behandeln wie die eines jungen Mädchens? Die ist doch naturgemäß viel unflexibler als die viel jüngere Wirbelsäule. Zurechtbiegen kann man dadurch auch nichts mehr, man kann dadurch höchstens eine gerade Haltung unterstützen. So könnte ich mir das vorstellen. Die Wirbelsäule wird während des Tragens tagsüber aufgerichtet. Aber was passiert in der Nacht mit der Wirbelsäule jetzt genau? Das Sich-Hineinpressen ins Korsett tut weh, ich bekomme kaum Luft, ich werde gefoltert. Muss ich das aushalten? Und vor allem: wozu? Ich bin nicht mehr in der Wachstumsphase und die Wachstumsrichtung kann folglich nicht mehr beeinflusst werden.

Aber diese Fragen sind mir eben erst im Nachhinein eingefallen, deswegen habe ich auch keine Antworten bekommen.

Aber trotzdem beschäftigt mich genau diese Sache: Ich soll genau das gleiche Korsett tragen wie ein junges Mädchen? (ganz davon abgesehen, dass es noch keine eindeutige Erkenntnis darüber gibt, ob ein Korsett nun gut oder schlecht ist. Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen, zum Beispiel die: „Ein Korsett ist eher kontraproduktiv, weil es die Muskulatur schwächt.“ Diese Variante liegt mir am meisten …)

Also, ich werde meinen Orthopädietechniker um ein Gespräch bitten, er muss sie mir verständlich und logisch erklären, die Situation mit dem Korsett.

Nach der 15-Kilometer-Strandwanderung war ich dermaßen erledigt und hatte dermaßen Rückenschmerzen, dass ich sofort nach Hamburg wollte, um mich operieren zu lassen. Nach acht Stunden Schlaf ging es wieder wunderbar, bis auf einen schlimmen Muskelkater in den Beinen, aber mein Rücken war wieder gut. War einfach zu lang und zu viel, das fiktive Gespräch mit meinem Techniker. Ich führe keine fiktiven aussichtslosen Gespräche mehr.

Endlich wieder Holz – kein Sand mehr
Endlich wieder Holz – kein Sand mehr

Sylt

26.10.

14 Uhr

 Gestern bin ich nach Sylt gefahren. Ich will jeden Tag schwimmen gehen, natürlich nicht in der Nordsee, sondern im Schwimmbad. Außerdem habe ich vor, jeden Nachmittag einen langen Spaziergang am Strand zu machen, und zwar im Schrothschen Atemrhythmus.

Sylt
Sylt

Also, das will ich mal probieren, ob das funktioniert. Laufen oder gehen und Reinatmen in die linke Seite, Ausatmen und Raffen der rechten Seite. Beim Schwimmen klappt es: einatmen und die linke Seite gefühlt aufblähen, ausatmen unter Wasser und dabei die rechte Seite gefühlt schrumpfen lassen. Geht gut. Um das Ganze an Land noch zu steigern, wären vielleicht Walking-Stöcke nicht schlecht. Die Stöcke im Atemrhythmus setzen, dabei kann man dann auch noch Rückenmuskulatur aufbauen. Glaube ich. Gut, oder?
Außerdem habe ich Zeit, hier über angebotene Skoliose-Therapien – die ich noch nicht kenne – zu lesen, also mich schlau zu machen, zum Beispiel über Spiraldynamik.
Die Spiraldynamik-Definition, die es hierzu gibt, verstehe ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht.
Aber es ist doch interessant, bei wie vielen körperlichen Defiziten sie helfen soll:
„Bei den folgenden Problemen, stellt die Spiraldynamik® eine geeignete Therapieform dar:

Rückenprobleme: Bandscheiben, Skoliose, Lumbalgie, ISG-Syndrom
Nackenprobleme: degenerative Abnutzung, Nackensteifigkeit, Kopfschmerz
Schulterprobleme: Sehnenverkalkungen, Rotatorenmanschette, habituelle Luxationen
Handprobleme: Carpaltunnelsyndrom, Rhizarthrose
Hüftprobleme: Hüftarthrose, Piriformis-Syndrom, Snipping hip
Knieprobleme: Meniskus, habituelle Patellafehlstellung und -luxation, Arthrose
Fußprobleme: Knick-, Senk-, Platt-, Hohl- und Spreizfuß, Hallux valgus, Krallenzehen“

(aus: www.elementhera.de)
Nachdem ich nun viel Zeit mit dem Versuch verbracht habe, mir die Spiraldynamik näherzubringen, muss ich erkennen, dass das ein erfolgloses Unterfangen war.
Was ich einfach nicht akzeptieren kann, ist der Umstand, dass es seit der Schroth-Atem-Orthopädie, die in den 1920er-Jahren begründet wurde, keine wirkliche Entwicklung mehr auf physiotherapeutischem Weg gab. Oder? Warum ist das so? Nur die brachialen OP-Techniken haben sich weiterentwickelt. Auch die Korsette haben sich mit den Jahren verändert. 1972 wurde mir ein Korsett empfohlen (wie es genannt wurde, weiß ich nicht mehr). Ein Milwaukee-Korsett war es nicht.  Das Milwaukee-Korsett (stammt aus den 40er-Jahren) wurde vom Cheneau-Korsett (Ende der 70er-Jahre) abgelöst.  Jetzt gibt es das „RSCR Brace Skolioseskorsett“ (die Bezeichnungen werden  länger und modischer, nämlich englisch: „brace“, was soll das?). Sieht aber so ähnlich aus wie ein Cheneau-Korsett und ist eigentlich auch eins.
Unter dem Korsett trägt man jetzt „besonders modische Korsetthemden“. – „Sie haben keine Nähte in den Druckzonen und sind aus besonders elastischen Materialien gefertigt.“ (www.ortholutions.de) Wie schön, dass es jemanden gibt, der darauf achtet, das auch das Korsett-Darunter modisch up-to-date ist.
Was mich mal interessieren würde ist, gibt es jemanden, dem ein Korsett nachweislich und nachhaltig geholfen hat? Bitte bei mir melden!
Ich kenne nämlich niemanden. Ich kenne eher die Fälle, denen nach jahrelangem, mühseligem Korsetttragen doch eine Operation vorgeschlagen wurde („Ist schlimmer geworden, eine OP wäre jetzt wirklich angebracht.“)

Sechs Jahre

21.10.

Ich bin heute vom Krafttraining mit der U-Bahn nach Hause gefahren. Und ich habe schon während des ganzen Trainings an das Buch gedacht, das ich gerade las. Auf dem Heimweg in der U-Bahn konnte ich weiterlesen in Charlotte Links Buch: Sechs Jahre – Der Abschied von meiner Schwester.

Buchcover

Eine Station vor meiner Endhaltestelle stieg ich wieder aus – denn ich wusste, in der Bahn schaffe ich den Schluss des Buches nicht mehr –, ich kaufte mir also oben im U-Bahn-Kiosk einen Cappuccino, fuhr die Rolltreppe wieder hinab und setzt mich auf einen der Wartesitze. Ich hatte nur noch ein paar Seiten bis zum Ende des Buches, und die wollte ich gleich an Ort und Stelle lesen und nicht erst, wenn ich zu Hause angekommen war. Die Menschen um mich herum störten mich überhaupt nicht, ich nahm sie gar nicht wahr, ich war so vertieft in dieses so wahnsinnig berührende Buch. Als ich meinen Cappuccino ausgetrunken hatte, hatte ich auch das Buch fertig gelesen. Ich musste noch ein paar U-Bahnen vorbeifahren lassen, bis ich mich wieder gesammelt hatte. Ich konnte nicht gleich umschalten auf Normalität. Das Buch hat mich so sehr beeindruckt und bewegt.

Schroth

16.10.

17.22 Uhr

Gestern saß ich mit meiner Freundin G. im Café bei Croissants und Doppio bzw. Latte macchiato. Sie fragt mich, was ist eigentlich Schroth? Wie geht das? – Stimmt, ich setze immer voraus, dass das jeder weiß, zumindest sollte es jeder wissen, der eine Skoliose hat (G. hat keine Skoliose). Aber das ist wahrscheinlich gar nicht der Fall. Ich bin vor ein paar Jahren auch nur durch Zufall drauf gestoßen, keiner von meinen damaligen Orthopäden hatte mich darauf aufmerksam gemacht, wahrscheinlich aus Unwissenheit. Ebenso meine damalige Physiotherapeutin. Auch sie kannte die Schroth-Methode nicht wirklich. Trotzdem hatte irgendwie schon mal jeder irgendwas vage darüber gehört … Ich bin im Internet auf Schroth gestoßen, damals, vor sechs Jahren. Ich habe mein oberflächliches Schroth-Wissen dann vertieft, suchte einen der wenigen Skoliose-Spezialisten in München auf, und  er empfahl mir einen Aufenthalt in Bad Sobernheim, aber gelandet bin ich dann in Isny, und das war gut so. Dort habe ich dann die Schroth-Methode, genauer: die dreidimensionale Skoliosebehandlung – Atmungsorthopädie System Schroth“ intensivst kennengelernt. Katharina Schroth, die Begründerin der Methode, selbst Skoliose-betroffen, kam zu der Erkenntnis – ich zitiere mal aus dem Buch ihrer Tochter Christa Lehnert-Schroth:

„Sie (Katharina) hatte nichts als Sehnsucht … gerade zu werden … Ein Gummiball mit einer Delle, die durch Luft herausgedrückt werden konnte, brachte die Idee und festigte den Entschluss, nach diesem Prinzip ihren Körper zu verändern. Diese Delle im Gummiball ist im Vergleich die konkave Seite bei der Skoliose. Diese Erkenntnis brachte sie dazu, ihr konkave Körperseite ebenfalls mit Luft zu füllen, indem sie in diese hineinatmete. Schöpferische Fantasie, methodisches Denken und beharrliches Arbeiten brachten bald die ersten Erfolge … Rechts in der Mitte befand sich bei ihr der Hauptrippenbuckel. Er flachte sich bei dieser gezielten Atmung in die linke Seite gleichzeitig ab …“ (aus: Dreidimensionale Skoliosebehandling/Christa Lehnert-Schroth)

Die Technik ist im Grunde ganz einfach: Man atmet bewusst ins – ich sage mal Tal oder Loch dazu – Tal hinein und macht gleichzeitig unterschiedliche spezifische Übungen. Nicht kompliziert, aber trotzdem sehr, sehr anstrengend. Die falsche, schiefe Haltung soll auf diese Weise aus dem Bewusstsein gestrichen und das Gefühl für eine bessere, aufrechtere Haltung stabilisiert werden. Ergebnis: gefühlsmäßige Aufrichtung und Streckung, Verbesserung des Körperempfindens. Natürlich weiß ich nicht, ob Röntgenstrahlen dieses Empfinden der Streckung dokumentieren können. Ich glaube eher nicht, aber darum geht es auch gar nicht, sondern um eine positive, schmerzfreie Körperwahrnehmung. Und die kann ich bestätigen.

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Hier auf diesem Bild sieht man mein „Tal“ (linker Lendenwirbelsäulenbereich). Und genau da muss ich hineinatmen. Und beim Ausatmen die rechte Seite anspannen, also „raffen“, wie es bei Schroth heißt. So wird die Wirbelsäule in Form gebracht.

Übung mit Schroth-Atmung
Übung mit Schroth-Atmung

Kalzium

9.10.

12.08 Uhr

Ich frage mich, warum bei Kindern, bei denen eine Skoliose festgestellt wurde, nicht gleich darauf hingewiesen wird, dass es nun, mit dieser Wirbelsäulenproblematik, vielleicht nichts schaden könne, verstärkt auf eine kalziumreiche Ernährung zu achten. So heißt es doch: Kalzium ist gut für die Knochen. Eine Skoliose hat man sein ganzes Leben lang und alles, was man tun kann, sollte man auch tun. Konkret heißt das, viel grünes Gemüse ( = guter Kalziumlieferant) essen, also Broccoli, Rosenkohl, Spinat, Gurke, Grünkohl, Kohlrabi und, und, und. Ach ja, und der saure Rhabarber. Das schadet nix, kann eventuell sogar die Knochen stärken und schmeckt so gut. Und zum Nachtisch gibt’s Studentenfutter. Und zum Trinken Mineralwasser. Wenn man sich dann auch noch oft im Freien (Licht = guter Vitamin-D-Lieferant; Kalzium und Vitamin D gehören zusammen)  aufhält – und als Kind tut man das ja ohnehin viel öfter als ein Erwachsener –, ist schon mal der Grundstein für ein stabiles Knochengerüst gelegt. So einfach, so gut und so nützlich.

Licht
Licht!

Irgendwann, wenn man dann älter geworden ist und die Skoliose auch, merkt man, da stimmt was nicht: Ich sehe irgendwie krummer aus, gehe doch mal lieber zum Arzt. – Der Arzt meint dann: Sie sehen krummer aus, wir machen mal lieber eine Röntgenaufnahme und eine Knochendichtemessung, nicht, dass da noch eine beginnende Osteoporose vorliegt. – Gut. Machen wir das. Wir haben dann herausgefunden, dass es wirklich eine Osteoporose ist, die die Wirbelsäule noch mehr verbogen hat. Aber warum haben wir dann nicht schon prophylaktisch was gegen die Knochenerweichung unternommen? Dass so etwas in einem bestimmten Alter mit der Vorgeschichte passieren kann, wissen wir doch. Und trotzdem sind wir bass erstaunt. Wie ist das denn passiert? Na ja, nicht so schlimm, kann man ja was dagegen unternehmen: Es gibt ein Medikament, das wird dreimonatlich gespritzt und dann baut sich die Knochendichte wieder auf. – Ja gut, aber welche Nebenwirkungen gibt es? – Na ja, man hat so was Grippesymptomähnliches, bisschen Unwohlsein, bisschen Kopfschmerzen, bisschen Schnupfen. – Ach so, ja gut, nicht so schlimm, spritzen Sie mal …

In der ganzen Skolioseliteratur, die ich kenne, gibt es einen asiatischen Mann: Dr. Kevin Lau, Chiropraktiker (ob er jetzt Mediziner ist, habe ich auf die Schnelle nicht herausgefunden), der einen Bezug zwischen Skoliose und Ernährung herstellt. Mir erscheint diese These logisch. Natürlich kann man eine Skoliose nicht durch entsprechende Ernährung aufrichten, das kann auch kein vernünftiger Mensch annehmen. Aber eine entsprechende Ernährung kann sehr viel zum Wohlgefühl beitragen. Das weiß ich. Aus Erfahrung. Kein Leistungssportler würde einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Form, Spannkraft, Stärke, Energie leugnen. Mein Orthopäde meint: Ernährung bewirkt bei Skoliose nix. – Diese Aussage will ich jetzt gar nicht bewerten, ich lasse sie mal so stehen.

Ich werde das Buch von Dr. Kevin Lau jetzt lesen. Reingeschaut habe ich schon mal kurz. Auf der Seite, in die ich reingelesen habe, empfiehlt er Knochensuppe …

Kraftraum

8.10.

13.49 Uhr

Seit rund einem Monat trainiere ich jetzt im Kraftraum. Der zum Studio gehörende Arzt fragte, na, da hat man Ihnen bestimmt auch schon eine Operation empfohlen? – Ja. – Gut, die können Sie jetzt vergessen. –  Hab ich mich natürlich gefreut, obwohl ich ganz klar weiß, dass er auch nix anderes sagen kann. Er arbeitet schließlich für das Studio. Aber trotzdem. Man fühlt sich doch gleich ganz anders, als wenn jemand sagt, o je, das sieht aber nicht gut aus. Haben Sie schon mal überlegt, sich operieren zu lassen? – Nein. – Das sollten Sie aber.

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Der Klimmzug ist meine Lieblingsübung: Man kniet auf einer beweglichen Vorrichtung, zieht sich dann mit eigener Kraft hoch. Dabei wird die Rückenmuskulatur angespannt. Anschließend gleitet man wieder runter. Dabei wird der Rücken, also die Wirbelsäule, gestreckt. Toll ist das. Gibt anschließend ein gutes Gefühl.

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Im Studio werde ich immer korrigiert, wenn ich krumm auf den Geräten sitze – Sie fallen mir gleich vom Sitz, aufrecht sitzen. – Mache ich dann auch sofort, soweit ich es eben kann.
Ich versuche, zwei- bis dreimal die Woche zu trainieren, kombiniert mit Krankengymnastik, zweimal pro Woche und jeden Tag schwimmen. Kann ich nicht immer durchhalten, vor allem an langen Arbeitstagen nicht. Aber die Regel ist: Jeden Tag Training! Gelingt mir meistens.

Salzburg und Kampenwand

6.10.

16.42 Uhr

Jetzt habe ich nun schon mehrere Tage nix mehr veröffentlicht, das liegt daran, dass ich beruflich (ich arbeite als Schlussredakteurin) gerade ziemlich eingespannt war. Nun habe ich wieder Luft und Lust auf Sport und Skoliose. Am langen Wochenende war ich wandern. Mein erstes Ziel war der Kapuzinerberg in Salzburg. Leider war ich total falsch angezogen: gepunkteter Rock, bzw. Kleid, denn Röcke trage ich keine, da sich sonst der linke Rocksaum immer kürzer darstellt als der rechte, weil das „linke Becken prominent“ ist, so heißt es in der Fachsprache. Wie dem auch sei, ich war auf jeden Fall falsch angezogen, Kleid und flache Schuhe und ein ziemlich steiler Aufstieg.

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Auch die Handtasche über der rechten Schulter war ein Fehler, sie zieht mich in die falsche Richtung. Trotzdem:  das  Wandern, die Körperhaltung beim Aufstieg, die Bewegung – alles sehr gut für meine Wirbelsäule.

Zwei Tage später ging es auf die Kampenwand. Dieses Mal kleidungstechnisch viel besser ausgerüstet. Wetter war – wie man auf den Fotos sieht – wunderbar. Ich habe das Gefühl, dass man sich beim Abstieg automatisch aufrecht hält – wegen der Balance. Aufstieg gab es nicht, wir sind mit der Gondel hochgefahren, obwohl das Bergauf mit den Stockaktivitäten dem Aufrichten der Wirbelsäule sicher entgegenkommt. War mir aber ehrlich gesagt nicht danach. Zu anstrengend und zu lang: fünf Stunden oder sogar noch mehr.  Der Abstieg hat mit einem kleinen Päuschen drei Stunden gedauert. Das geht. Das kann man aushalten, es ist nicht zu mühsam, und man hat trotzdem Spaß dabei. Ganz im Gegenteil zu den Mountainbikern, die uns mit hochrotem, verzerrtem Gesicht entgegenkamen, also sich bergauf quälten. Ich könnte mir vorstellen, dieses Biken kräftigt die Wirbelsäulenmuskulatur – wissen tu ich es nicht –, eigentlich wie jede Bewegungsübung. Das haben auch meine Isny-Therapeuten gesagt. Das mit der Bewegung, meine ich.

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Quälerei

22.9.

14.17 Uhr

Ich kann mein Nachtkorsett nicht tragen. Nachtkorsett heißt es, weil ich es nur nachts zum Schlafen tragen soll, beziehungsweise das stimmt so nicht, ich dürfte es natürlich auch tagsüber tragen, wenn ich das wollte. Aber das wäre so überhaupt nicht in Frage gekommen. Deswegen habe ich mich darauf eingelassen, als es hieß, „na ja, vielleicht wäre ein Nachtkorsett ja eine Möglichkeit …“. Weil, so dachte ich,  nachts sieht man mich nicht, nachts schlafe ich und merke überhaupt nicht, dass ich in einen Panzer eingezwängt bin … ja, so dachte ich. Aber schon das Anziehen ist mühsam, das Festziehen der Gurte auch, das Atmen nicht ganz einfach, das Hinsetzten auch nicht, das Aufstehen auch nicht, das Ins-Bett-Legen auch nicht. Das Liegen im Bett und das  Einschlafen-Wollen funktionieren nicht, weil ich keine bequeme, vertraute Enschlafposition finde. Ich kann mir das unbequeme Ding einfach nicht wegdenken. Also habe ich es nicht mehr angezogen, ich habe so einen Widerwillen. Nun liegt das Korsett in meiner Rattantruhe – neben meiner Gymnastikmatte – und schläft dort, statt mir mir in meinem Bett. Meine Gymnastikmatte darf mindestens zweimal in der Woche raus aus der Truhe, das Korsett muss jetzt erst mal drin liegen bleiben.

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Gymnastikmatte und Korsett

Ich bin mir aber doch noch nicht ganz sicher, wie ich verfahren soll: Probiere ich es erneut und zwänge mich rein, oder lasse ich es in der Truhe ein paar Jahre liegen, bis es endlich reif zum Wegwerfen ist? Heute Abend kommt wie jeden Abend „Das perfekte Dinner“. Das dauert eine knappe Stunde, in dieser einen Stunde könnte ich mir die Kochsendung anschauen und  mich noch mal darauf einlassen, aber wenn ich leide, ziehe ich es gleich wieder aus.

19.06 Uhr

Völlig ausgeschlossen … es geht nicht. Ich bin eingeklemmt, es tut weh und ich bin total deprimiert. Nein, das tue ich mir nicht an.