Rückenschule und Zirkeltraining

Bad Sobernheim, 9.1.2018

Heute bekamen wir einen neuen Trainer. Ich kannte ihn noch nicht, er war im Weihnachtsurlaub gewesen.

Vormittags mit ihm zuerst Ergotherapie:

  • Wie bückt man sich nach Gegenständen?
  • Wie trägt man seine Einkäufe?
  • Wie hebt man Getränkekisten (ich: gar nicht)?
  • … und so weiter.

Aha, das war jetzt Rückenschule. Natürlich machte man  bisher im Alltag alles falsch. Aber man kann sich die neuen Bewegungsmuster antrainieren, damit ein Automatismus entsteht.

Nachmittags dann Schroth-Gruppentraining:
Und zwar Zirkeltraining mit Musik. Super war das, motivierend. Übungen an der Sprossenwand, mit und ohne Deuserband, Übungen mit dem Pezziball und Übungen zwischen zwei Stäben.

Danach: fix und fertig

 

 

Sonntag – therapiefrei

Bad Sobernheim, 7.1.2018

Sonntag. Therapiefrei. Das ist erst mal sehr komisch, weil man am Sonntag seine Zeit selbst ausfüllen muss, also man muss sich überlegen: Was mache ich heute? Ich bin nach dem Frühstück in den Ort gegangen, habe mich ins Café Andrae gesetzt und einen wunderbaren großen Cappuccino getrunken. Der Cappuccino war köstlich.

Normalerweise trinke ich zu Hause jeden Morgen nach dem Aufstehen zwei große Tassen Kaffee mit aufgeschäumter Milch, dann kann der Tag beginnen. Nach den beiden großen Tassen Cappuccino gehe ich schwimmen. Das ist für meine Wirbelsäule ein sehr guter Start in den Tag.

Hier in Bad Sobernheim gibt es nach dem Aufstehen zwei Tassen Instantkaffee mit Sojamilch, bevor ich das Zimmer verlassen kann, bevor mein Kreislauf und meine Laune in Schwung kommen. Immerhin eine Alternative. Keine perfekte zwar, aber ein guter Kompromiss.

Heute nach dem Mittagessen sind Ingrid, Heidi und ich zu einem wirklich langen Waldspaziergang aufgebrochen. Es war alles ziemlich nass und matschig, aber sehr idyllisch. Nach einem Zwei-Stunden-Marsch sind wir dann im schwedisch angehauchten „Sommercafé“ eingekehrt. Es ist so hübsch und heiter dort.

Abends um 20 Uhr (weil die Erwachsenen ja erst um diese späte Zeit schwimmen dürfen): mein üblicher Sechs-Bahnen-Schwimmbadbesuch, müde und total unmotiviert, aber es musste sein … Dann habe ich mich erschöpft und zufrieden vor dem Fernseher geknallt.

Hotel „Bollands“

Bad Sobernheim, 6.1.2018

Samstag: vormittags volles Programm. Zuerst Gruppe: aufwärmen im Freien mit Musik, etwas frisch zwar, aber man bewegt sich ja. Manchmal zu Schlagern, was nicht so toll ist: aufwärmen mit Helene Fischer, na ja. Danach ging es weiter mit den üblichen Schroth-Übungen, wozu mir manchmal tatsächlich die Kraft fehlt und ehrlich gesagt, manchmal auch die Lust. Denn diese Schroth-Übungen sind sehr statisch, und das viele Atmen ist auch nicht so angenehm. Nächster Programmpunkt nach dem Schrothen: Bauchmuskelübungen. So viel Sport, ich habe mittlerweile schon gar keinen Muskelkater mehr.

Danach ein langer freier Nachmittag.

Abends, also um 18 Uhr, ging ich mit einer Mitpatientin, Ingrid, in das Wellnesshotel „Bollands“, fast gegenüber der Katharina-Schroth-Klinik.

Das „Bollands“ bei Nacht.
Man sieht nix …
Die Klinik im Hintergrund – im Vordergrund Schafe

Das „Bollands“ bietet Schwimmen und Sauna abends ab 18 Uhr zum Feierabendtarif an. Der Feierabendtarif beträgt 19 Euro. Für mich lohnt sich das eigentlich nicht, denn ich benutze nur das Schwimmbad, die Saunalandschaft interessiert mich eher nicht. Es gibt zwei Schwimmbäder, eins innen und eins außen. Draußen war es mir zu kalt, und das innenliegende Schwimmbad war ziemlich klein, aber angenehm warm. Ich bin dann ein bisschen im Wasser herumgedümpelt, habe ein bisschen Wasser-Walking gemacht, bin ein bisschen geschwommen, um anschließend eine sehr heiße Dusche zu nehmen und dann im Ruheraum – der ganz leer war – mein Buch zu lesen. Zum Ruheraum fällt mir nur ein Wort ein: behaglich, nein, fallen mir zwei Wörter ein: sehr behaglich. Bequeme Ruhebetten, ausgestattet mit kuscheligen Decken, es gab „Energiewasser“ zu trinken. Ingrid hat sich dann nach dem ersten Saunagang zu mir gesellt, wir lagen entspannt in diesem nur von uns genutzten kuscheligen Raum und hatten tolle persönliche Gespräche. Es war ein schöner Abend.

„Hatten Sie mal Kinderlähmung …?“

München, 16.2.2018

„… nein, warum?“

Das hat mich heute morgen doch tatsächlich eine Frau in der Umkleide im Schwimmbad gefragt. Nicht zu fassen, was es dumme, indiskrete Menschen gibt. Ich ließ sie stehen und ging in die Schwimmhalle. Doch die ganze Zeit, während ich meine Bahnen zog, musste ich darüber nachdenken.

Noch mal: Es macht mir wirklich nichts aus, dass ich ein schiefes Erscheinungsbild habe, aber so direkt darauf angesprochen zu werden …
Am liebsten hätte ich entgegnet: „Und Sie, hatten Sie mal Adipositas?“ Die Schlankste war sie nämlich nicht. Aber so was sagt man nicht. Gewiss nicht.

So, das nur nebenbei, ich mache jetzt weiter mit meinem Sobernheim-Bericht …

 

 

Zweifel

Bad Sobernheim, 5.1.2018

Jeder Tag ist anders. Gefühlsmäßig. Gestern war ich noch Korsett und OP gegenüber ganz negativ eingestellt. OP ist immer noch ein absolutes No-Go, und das wird auch so bleiben, dem Korsett nähere ich mich gedanklich an. Ich habe ja eines. Mein Orthopäde meinte damals vor vier Jahren, ich sollte es vielleicht mit einem Nachtkorsett versuchen. Ich habe es widerstrebend und gar nicht überzeugt anfertigen lassen, dann zu Hause einmal anprobiert. Ich habe es kaum zehn Minuten darin ausgehalten: Es schnürte mir die Luft ab, war ein Martyrium. Weggelegt, nie wieder angefasst. Ein Nachtkorsett – so hat es mein Orthopäde genannt. Der Orthopädiebauer meinte aber, ein Korsett ist ein Korsett, ob am Tag oder in der Nacht, es gibt keinen Unterschied. Wenn es nur in der Nacht getragen wird, dann heißt es eben Nachtkorsett. Das Korsett ist ein Panzer, eng, schmerzhaft, darin kann man, darin kann und will ich nicht schlafen. Ich brauche meinen Schlaf. Also schlafe ich weiterhin ohne.

Mein Alptraum – das „Nacht“-Korsett

Hier in Bad Sobernheim ist das Korsett nix Besonderes, viele haben eines, ziehen es vor den Übungen aus, nach den Übungen wieder an, keiner guckt. Normalität. Eine jüngere Frau aus meiner Übungsgruppe besitzt auch ein Korsett. Sie sagt, sie trägt es nach der Arbeit, vor dem Fernsehr, manchmal auch ein paar Stunden in der Nacht. Sie fühlt sich danach aufgerichtet, es tut ihr gut. Vielleicht sollte ich es doch noch einmal probieren damit? Ich müsste es eben entsprechend anpassen lassen, damit es für mich tragbar ist. Auch wenn es nicht in dem Maße korrigiert, wie es eigentlich sollte, aber vielleicht gibt es einen Kompromiss.

 

 

 

Neuer Anfang

Ich mache es noch mal. Vier Jahre habe ich nicht mehr geschrieben, weil ich dachte, ich habe alles gesagt, was es zu sagen gab zum Thema Skoliose. Aber das ist nicht so. Ich habe in den letzten vier Jahren mal viel über die Skoliose nachgedacht, mal wenig, aber sie war trotzdem immer präsent, vor allem im letzten Monat, omnipräsent. Da war ich nämlich in Bad Sobernheim, in der Katharina-Schroth-Klinik. Vier Wochen lang. So fing es an:

Bad Sobernheim, 3.1.2018

Nun bin ich bereits eine Woche in Bad Sobernheim. Nach dem ersten Übungstag mit zwei Übungseinheiten, eine vor- und eine nachmittags, habe ich mir gedacht, o je, hoffentlich geht es so reduziert nicht weiter. Ich hatte zu viel Leerlauf. Am ersten Tag. Dann am zweiten Tag kamen die sogenannten Funktionsübungen – auch jeweils vor- und nachmittags – hinzu. Da wird das Gelernte aus den Anfängergruppenübungsstunden geübt, geübt, geübt. Unter dem korrigierenden Blick verschiedener Therapeuten. Am zweiten Tag konnte man schon erahnen, wie sich der weitere Aufenthalt gestalten würde.

Der Tag ist folgendermaßen strukturiert:

  • Frühstück (sehr gutes Frühstücksbüfett, jedoch Kantinenatmosphäre)
  • anschließend Übungen in der Gruppe. In meiner Gruppe sind 14 Erwachsene, zwei Neunzehnjährige, alle anderen älter, bis 58 Jahre.
  • Der Übungsleiter – ein junger, motivierter Sportwissenschaftler und Physiotherapeut – schaut sich die Skoliosemuster im persönlichen Übungsbuch (das nach der Eingangsuntersuchung vom Cheftherapeuten bestimmt wird) eines jeden Teilnehmers an und richtet danach die persönlichen Übungen aus.
Skoliosenskizze

 

 

 

 

 

 

 

  • In der Anfängerwoche kommen jeden Tag eine oder zwei Übungen dazu, die man dann in den Funktionsübungen alleine – aber unter der Aufsicht von wechselnden Therapeuten – durchführen soll.
  • Mittagessen. Zwei Gerichte zur Auswahl, eines ist mit Fleisch, das andere vegetarisch. Manchmal gibt es Salat dazu, manchmal Gemüse. Das Essen ist nicht schlecht. Essen wie im Internat könnte man sagen, und genau so ist es ja auch. Ein Skolioseinternat.
  • Nachmittags wieder Gruppe, ach ja: vorher aufwärmen im Freien mit Musik. Toll ist das. Nach der Gruppe wieder Funktion. Funktion, auch so ein Wort, das dann jeder benutzt, und jeder weiß, ewas gemeint ist. Internes Vokabular. Bis 17 Uhr, dann Schluss mit Üben.
  • Frühes Abendessen
  • Abends ab 19 Uhr kann man dann noch das Schwimmbad nutzen. Von 19 bis 20 Uhr die Jugendlichen, von 20 bis 21 Uhr die Erwachsenen. Das ist natürlich sehr spät nach einem langen Übungstag. Aber man hat zumindest die Möglichkeit, schwimmen zu gehen. Das Becken ist recht groß und das Wasser 30 Grad warm.
  • Ab der zweiten Woche werden in der Gruppenübungszeit Übungen praktiziert, die nicht zu den Funktionsübungen gehören, die man also nicht alleine üben kann.
  • Außerdem kommen ab der zweiten Woche noch Ergo- und Atemtherapie, außerdem Vorträge sowie Massage hinzu.

 

Übung im Sitzen zwischen  zwei Stäben
Stabilisation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verbogen

krummer Schatten
krummer Schatten?

Dass sich meine Wirbelsäule irgendwie verändert hat, habe ich vor ungefähr zehn Monaten gemerkt, bzw. nicht ich, sondern eine Kollegin hat mich beim Gang in die Kantine gefragt, was ist los, hast Du Magen- oder Rückenschmerzen, Du läufst krumm! – Nein, ich hatte keine Magenschmerzen, auch keine Rückenschmerzen, ich selbst habe nichts bemerkt. Ich saß eben den ganzen Vormittag in gekrümmter Haltung am Computer und auch beim Gehen war ich noch gekrümmt. Zu Hause habe ich mich dann vor den Spiegel gestellt und mich aufmerksam und kritisch betrachtet. Stimmt, ein wenig mehr nach rechts gebeugt war ich schon. Komisch, war mir gar nicht aufgefallen. Oder, ganz ehrlich, ich wollte einfach nicht, dass es so war. Aber wenn ich zurückdenke, dann habe ich genau diesen Gedanken auch schon mal gehabt: Sieht irgendwie schiefer aus, die ganze Haltung, habe diesen Gedanken aber sofort wieder verdrängt.
Weil, was nicht sein darf, kann nicht sein.

Ich wage jetzt mal ein Gedankenspiel:

Beginn der Krümmungsverschlechterung: eventuell November 2011. Damals hatte ich drei Monate andauernden Kummer, der mich Tag und Nacht beschäftigte. Ich habe die Gymnastik vielleicht ein ganz kleines bisschen vernachlässigt – wenn überhaupt –, das Schwimmen aber nicht. Im Gegenteil. Das war in meiner damaligen Lage eine gute Therapie. Ich habe etwas weniger gegessen, die Nährstoffzufuhr (Calcium, Vitamin D, was ja wichtig für die Knochen sein soll), war wohl etwas eingeschränkt, aber daran konnte es nicht ausschließlich liegen, oder?
Die Situation war die: Mir ging es nicht gut, seelisch, ich war geknickt. Der Auslöser für diese psychische Disposition war ein privater Umstand, der mich in eine enorme emotionale Schieflage brachte. Ja, in eine Schieflage, die sich mit der Zeit auch optisch bemerkbar machte. Kann so was sein? Der von mir im Rückblick angenommene Zeitpunkt der Wirbelsäulenverschlechterung fiel auf jeden Fall mit einem ständigen Gefühl der Demoralisierung zusammen, ich könnte auch eine Metapher dafür verwenden: Mir wurde fast das „Rückgrat gebrochen“. Aber nur fast. Doch krummer ist es geworden. Das reicht auch.

So jetzt noch zwei passende metaphorische Begriffe zum Schluss:
Ich will mich nicht mehr „verbiegen“ lassen. Ich werde „Rückgrat zeigen“!
So ein Klischee!

Sichtbar

Bin wieder zurück aus Sylt. Und bin auch gleich wieder bei meiner Physiotherapeutin gewesen. Sie ist keine Schroth-Therapeutin, aber durch ihre jahrzehntelange Erfahrung macht sie mit mir Übungen, die sehr in die Schroth-Richtung gehen. Und die tun meiner Wirbelsäule gut, das spüre ich. So, langer Rede, kurzer Sinn: Sie hat sofort gemerkt, dass ich während meines Sylt-Aufenthaltes auf die Gymnastik-Übungen verzichtet habe (wovon sie aber gar nichts wusste). Dass ich – nicht aus Faulheit, sondern, weil ich die Gymnastik durch das Am-Strand-Laufen ersetzt habe – die Übungen für den kurzen Zeitraum ausgesetzt habe. Ich war überrascht. Mir war nicht ganz klar, wie man nach nur einer Woche Gymnastik-Verzicht eine Veränderung bemerkt. Frau A. meinte, die Muskulatur verändere sich, die Kraft, die Haltung. Diese Erkenntnis ist ein so offensichtlicher Beweis für die Wirksamkeit der Gymnastik. Jetzt verstehe ich auch oder zumindest glaube ich zu verstehen, was mein großartiger Physiotherapeut aus Isny meinte, als er von „Stabilisation“ sprach, wenn er die Übungen kommentierte.

Jetzt möchte ich es aber doch wissen, was genau mit der Muskulatur und was genau mit der Wirbelsäule passiert, während ich übe. Ich muss mich schlau machen, denn schließlich soll dieses Wissen um die eigene Wirbelsäule, um den eigenen Körper kein Herrschaftswissen sein, beziehungsweise kein Therapeutenwissen, von dem der eigentlich Betroffene ausgeschlossen wird, aus welchen Gründen auch immer. Das sagt eben auch Christa Lehnert Schroth (Tochter von Katharina Schroth) in ihrem Buch „Dreidimensionale Skoliosebehandlung“:

„Zur Behandlung einer Skoliose gehört als unerlässlich wichtig, dass nicht nur der Behandelnde um die anatomisch-physiologischen Voraussetzungen und die Wirkungsweise der Übungen weiß, sondern auch der Übende.“

Buch zur Schroth-Therapie mit sehr vielen anschaulichen Fotos
Buch zur Schroth-Therapie mit sehr vielen anschaulichen Fotos

Ich finde das Buch großartig und ermutigend. Es erschließt sich einem nicht immer gleich (also zumindest mir nicht) bei der ersten Lesung, man muss sich erst einarbeiten und Geduld haben und gegebenenfalls einen Satz dreimal lesen, bis man den Inhalt versteht, beziehungsweise bis man die Theorie, die hinter der Praxis steht, begreift. Es sind wirklich tolle Fotos: realistisch, von richtigen skoliosebetroffenen Menschen, vor der Schroth-Behandlung und nach der mehrwöchigen Therapie. Selbstverständlich sieht man die Skoliose immer noch, denn so ist es eben, aber die Haltung hat sich verändert, es hat eine Aufrichtung stattgefunden. Und die gibt es nicht von alleine. Diese optische wunderbare Veränderung bedeutet üben, üben, üben und noch mal üben. Während ich das jetzt hier schreibe, denke ich , dass ich eigentlich jetzt auch üben sollte, aber das mache ich dann anschließend. Ich spreche jetzt nur von der Optik. Ich weiß, dass viele Skoliose-Betroffene Schmerzen leiden,  aber zu diesem Thema kann ich nichts sagen, ich habe keine Schmerzen. Aber so wie ich die Schroth-Therapie verstanden habe, soll sie auch ein Schmerztherapeutikum sein.

Muskelzylinder mit Ball
Muskelzylinder mit Ball
Muskelzylinder (so heißt diese Übung)
Muskelzylinder mit Hocker
Übung: angeschnallt an der Sprossenwand zwischen zwei Stäben; schreckliche Übung aber wirksam
Übung: angeschnallt an der Sprossenwand zwischen zwei Stäben; schreckliche Übung, aber wirksam

Ganz ehrlich: Die Schroth-Übungen sind nicht attraktiv, nicht schön, außerdem langweilig, weil sie so statisch sind. Aber eben so wirksam. Gerade habe ich beschlossen, ein richtiger Schroth-Meister zu werden. Am liebsten wäre mir ein Mitturner, dann könnte man sich gegenseitig korrigieren und motivieren. Und hinterher gibt’s ein Kaltgetränk.

Gegen den Wind

30.10.

15 Uhr

Meer und Sand
Meer und Sand
Qualle
Qualle und Schatten

 

15-km-Marsch. Am Strand entlang. Durch den Sand. Das war sehr anstrengend. Aber ich habe es während des Laufens gar nicht bemerkt. Ich hatte nämlich ein Gespräch mit meinem Orthopädietechniker. Ein fiktives Gespräch natürlich. Es ging um mein „Nachtkorsett“. Die Aussagen meines Technikers waren so wie im Folgenden. Meine Fragen und Anmerkungen dazu hätten so sein können, sind mir aber erst im Nachhinein eingefallen. Und mir ist zu diesem Thema sehr viel eingefallen. Immer wieder in verschiedenen Varianten. Aber – wie es immer so ist: Die klugen Bemerkungen kommen erst dann, wenn die reale Konversation schon längst vorbei ist.

Das fiktive Gespräch mit meinem Orthopädietechniker findet statt, während er den Gipsabdruck meines Rückens macht.

(I = ich; OT = Orthopädietechniker)

I: Dieses Korsett muss ich nur zur Nacht tragen, zum Glück. Es ist ja ein Nachtkorsett.

OT: Ja, aber das unterscheidet sich nicht von einem Tageskorsett.

I: Und wie unterscheidet sich jetzt mein Tages/Nachtkorsett zu dem Tages/Nachtkorsett einer 15-Jährigen, zum Beispiel?

OT: Gar nicht.

I: Das verstehe ich nicht. Kann man denn die Wirbelsäule einer schon lang erwachsenen Frau gleich behandeln wie die eines jungen Mädchens? Die ist doch naturgemäß viel unflexibler als die viel jüngere Wirbelsäule. Zurechtbiegen kann man dadurch auch nichts mehr, man kann dadurch höchstens eine gerade Haltung unterstützen. So könnte ich mir das vorstellen. Die Wirbelsäule wird während des Tragens tagsüber aufgerichtet. Aber was passiert in der Nacht mit der Wirbelsäule jetzt genau? Das Sich-Hineinpressen ins Korsett tut weh, ich bekomme kaum Luft, ich werde gefoltert. Muss ich das aushalten? Und vor allem: wozu? Ich bin nicht mehr in der Wachstumsphase und die Wachstumsrichtung kann folglich nicht mehr beeinflusst werden.

Aber diese Fragen sind mir eben erst im Nachhinein eingefallen, deswegen habe ich auch keine Antworten bekommen.

Aber trotzdem beschäftigt mich genau diese Sache: Ich soll genau das gleiche Korsett tragen wie ein junges Mädchen? (ganz davon abgesehen, dass es noch keine eindeutige Erkenntnis darüber gibt, ob ein Korsett nun gut oder schlecht ist. Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen, zum Beispiel die: „Ein Korsett ist eher kontraproduktiv, weil es die Muskulatur schwächt.“ Diese Variante liegt mir am meisten …)

Also, ich werde meinen Orthopädietechniker um ein Gespräch bitten, er muss sie mir verständlich und logisch erklären, die Situation mit dem Korsett.

Nach der 15-Kilometer-Strandwanderung war ich dermaßen erledigt und hatte dermaßen Rückenschmerzen, dass ich sofort nach Hamburg wollte, um mich operieren zu lassen. Nach acht Stunden Schlaf ging es wieder wunderbar, bis auf einen schlimmen Muskelkater in den Beinen, aber mein Rücken war wieder gut. War einfach zu lang und zu viel, das fiktive Gespräch mit meinem Techniker. Ich führe keine fiktiven aussichtslosen Gespräche mehr.

Endlich wieder Holz – kein Sand mehr
Endlich wieder Holz – kein Sand mehr

Sylt

26.10.

14 Uhr

 Gestern bin ich nach Sylt gefahren. Ich will jeden Tag schwimmen gehen, natürlich nicht in der Nordsee, sondern im Schwimmbad. Außerdem habe ich vor, jeden Nachmittag einen langen Spaziergang am Strand zu machen, und zwar im Schrothschen Atemrhythmus.

Sylt
Sylt

Also, das will ich mal probieren, ob das funktioniert. Laufen oder gehen und Reinatmen in die linke Seite, Ausatmen und Raffen der rechten Seite. Beim Schwimmen klappt es: einatmen und die linke Seite gefühlt aufblähen, ausatmen unter Wasser und dabei die rechte Seite gefühlt schrumpfen lassen. Geht gut. Um das Ganze an Land noch zu steigern, wären vielleicht Walking-Stöcke nicht schlecht. Die Stöcke im Atemrhythmus setzen, dabei kann man dann auch noch Rückenmuskulatur aufbauen. Glaube ich. Gut, oder?
Außerdem habe ich Zeit, hier über angebotene Skoliose-Therapien – die ich noch nicht kenne – zu lesen, also mich schlau zu machen, zum Beispiel über Spiraldynamik.
Die Spiraldynamik-Definition, die es hierzu gibt, verstehe ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht.
Aber es ist doch interessant, bei wie vielen körperlichen Defiziten sie helfen soll:
„Bei den folgenden Problemen, stellt die Spiraldynamik® eine geeignete Therapieform dar:

Rückenprobleme: Bandscheiben, Skoliose, Lumbalgie, ISG-Syndrom
Nackenprobleme: degenerative Abnutzung, Nackensteifigkeit, Kopfschmerz
Schulterprobleme: Sehnenverkalkungen, Rotatorenmanschette, habituelle Luxationen
Handprobleme: Carpaltunnelsyndrom, Rhizarthrose
Hüftprobleme: Hüftarthrose, Piriformis-Syndrom, Snipping hip
Knieprobleme: Meniskus, habituelle Patellafehlstellung und -luxation, Arthrose
Fußprobleme: Knick-, Senk-, Platt-, Hohl- und Spreizfuß, Hallux valgus, Krallenzehen“

(aus: www.elementhera.de)
Nachdem ich nun viel Zeit mit dem Versuch verbracht habe, mir die Spiraldynamik näherzubringen, muss ich erkennen, dass das ein erfolgloses Unterfangen war.
Was ich einfach nicht akzeptieren kann, ist der Umstand, dass es seit der Schroth-Atem-Orthopädie, die in den 1920er-Jahren begründet wurde, keine wirkliche Entwicklung mehr auf physiotherapeutischem Weg gab. Oder? Warum ist das so? Nur die brachialen OP-Techniken haben sich weiterentwickelt. Auch die Korsette haben sich mit den Jahren verändert. 1972 wurde mir ein Korsett empfohlen (wie es genannt wurde, weiß ich nicht mehr). Ein Milwaukee-Korsett war es nicht.  Das Milwaukee-Korsett (stammt aus den 40er-Jahren) wurde vom Cheneau-Korsett (Ende der 70er-Jahre) abgelöst.  Jetzt gibt es das „RSCR Brace Skolioseskorsett“ (die Bezeichnungen werden  länger und modischer, nämlich englisch: „brace“, was soll das?). Sieht aber so ähnlich aus wie ein Cheneau-Korsett und ist eigentlich auch eins.
Unter dem Korsett trägt man jetzt „besonders modische Korsetthemden“. – „Sie haben keine Nähte in den Druckzonen und sind aus besonders elastischen Materialien gefertigt.“ (www.ortholutions.de) Wie schön, dass es jemanden gibt, der darauf achtet, das auch das Korsett-Darunter modisch up-to-date ist.
Was mich mal interessieren würde ist, gibt es jemanden, dem ein Korsett nachweislich und nachhaltig geholfen hat? Bitte bei mir melden!
Ich kenne nämlich niemanden. Ich kenne eher die Fälle, denen nach jahrelangem, mühseligem Korsetttragen doch eine Operation vorgeschlagen wurde („Ist schlimmer geworden, eine OP wäre jetzt wirklich angebracht.“)