Ballett mit Skoliose

Gerade musste ich daran denken, dass ich eigentlich in meinen jungen Jahren sehr gerne Ballett getanzt habe, wie viele junge Mädchen. Ich bin ein- bis zweimal die Woche zum Balletttraining gegangen, und zwar mit viel Enthusiasmus und mit großer Freude. Ich habe gern getanzt. Ich habe zwar gemerkt, dass die anderen Tänzerinnen irgendwie biegsamer waren als ich, aber das habe ich natürlich nicht mit meiner Wirbelsäule in Zusammenhang gebracht. Wie sollte ich auch? Von krummen verbogenen Wirbelsäulen hatte ich noch nie was gehört und den Fachbegriff Skoliose kannte ich schon gleich gar nicht. In meiner Klasse gab es ein Mädchen, die trug ein Korsett, Ulrike hieß sie. Aber dass damit eine Skoliose begradigt werden sollte, wusste ich nicht. Ulrike sprach auch nie darüber, wozu der Panzer gut sein sollte, und wir alle bemitleideten sie furchtbar. Ein Panzer, der bis zum Hals hinauf ging und der natürlich immer zu sehen war, obwohl sie versuchte, das Teil mit einem Halstuch unsichtbar zu machen. Das klappte natürlich nicht.

Ich war 14 Jahre alt, als meine Skoliose entdeckt wurde. Die linke Hüfte stand etwas raus, ich war etwas schief. Mir selbst ist das nicht aufgefallen, aber meiner Oma. Sie machte meine Mutter darauf aufmerksam, aber die wollte davon nichts wissen: „Ach was, das sieht nur so aus, sie steht krumm da …“

Ja, das war auch eine Möglichkeit, damit umzugehen. „Ich ignoriere das einfach, dann existiert es auch nicht. Oder ich rede es mir schön …“

Aber sie kam trotzdem nicht drum herum, mit mir zum Arzt zu gehen, denn auch im Sportunterricht fiel auf, dass etwas nicht stimmte. Der Orthopäde diagnostizierte dann eine Lumbalskoliose, eine 56-Grad-Krümmung, soweit ich mich erinnere.

„Kann ich dann noch weiter Ballett tanzen?“, fragte ich ihn, denn das war mir wichtig. Das weiß ich nicht, ob Du kannst“, sagte er. Ich glaube, er wollte witzig sein. Für mich war er einfach nur doof. Ich hatte ihm eine Frage gestellt, die mich ernsthaft beschäftigte, und er machte einen Witz … Ich kann mich noch genau dran erinnern, wie er aussah und wie er hieß. Langer Rede kurzer Sinn: Er verbot mir das Ballett und empfahl eine Konsultation bei Herrn Dr. Zielke in Tübingen, dem Arzt, der die Harrington-Stab-Methode aus den USA nach Deutschland gebracht hatte und Skoliosen operativ behandelte.

Meine Mutter und ich fuhren also nach Tübingen, stellten uns vor, und Dr. Zielke erklärte uns, wie so eine OP funktionierte. Mir wurde ganz schlecht: Vorbehandlung ein halbes Jahr (Kopf wird irgendwie irgendwo fixiert …) dann OP, dann Nachbehandlung, die auch noch sehr lange dauert … So genau weiß ich das gar nicht mehr, ich schaltete einfach ab, weil es so schlimm war, was ich mir da anhören musste. Ich erinnere mich, dass wir sprachlos aus dem Sprechzimmer hinausgingen, ich war wie in Trance, erst auf der Straße fing ich an zu heulen. Um mich zu trösten, ging meine Mutter mit mir den nächstbesten Jeansladen, kaufte mir eine weit ausgestellte (wie es damals Mode war), teure Jeans und ein geblümtes T-Shirt. Ich beruhigte mich etwas, aber auf dem Heimweg im Zug fing mein Elend wieder an. Zu Hause erfuhr dann auch mein Vater, was los war.

ausgeträumt

Er sagte zu mir, du brauchst dich nicht operieren zu lassen, wenn du nicht willst. Natürlich wollte ich nicht. Alles so lassen, wie es ist, war für alle die bequemste Lösung, meine Eltern mussten sich nicht mit einer Tochter auseinandersetzten, die eine sehr schwere Operation vor sich hatte, und ich musste mich nicht operieren lassen, keine monatelange Vorbereitung, keine OP, keine Gestell im Rücken, keine Nachbereitung. Wir haben einfach so getan, als wäre nichts. (Und im Nachhinein: Es war die richtige Entscheidung.)

Ich ging allerdings regelmäßig zur Physiotherapie, sie war eine Kombination aus Muskelaufbau und Vojta-Übungen. Ob das jetzt geholfen hat, weiß ich nicht, geschadet hat es auf keinen Fall. Aber ich musste das Ballett aufgeben. Mein Orthopäde fand das nicht gut. Ich finde: Das war totaler Quatsch, warum soll Bewegung schädlich sein? Damals wusste man nicht viel. Es gab kein Internet und keine Netzwerke und geredet wurde auch nicht darüber. Zumindest bei uns nicht.

Ich habe eine Mutter, die das Thema lieber ignoriert hat, als sich damit konstruktiv auseinanderzusetzten. Dabei wäre es für sie kein Problem gewesen, an Informationen heranzukommen. Sie arbeitete nämlich in einem Krankenhaus als Krankenschwester. Das heißt, es wäre kein Problem gewesen, sich schlau zu machen.

Aber kein Schaden ohne Nutzen. Hätte ich Eltern gehabt, die sich ernsthaft informiert, Vor- und Nachteile abgewogen, die Langzeitkonsequenzen einer Skoliose ohne OP berücksichtigt hätten, dann wäre ich vielleicht operiert worden … Das bin ich nun nicht. Aber ich habe immer viel Sport gemacht, und das war gut so. Ich kann nicht sagen, wie es mir heute ginge mit so einem Gestell im Rücken. Den Frauen in meinem Alter mit einem Harrington-Stab im Rücken, geht es nicht gut. Also zumindest denen, die ich kenne: Schmerzen, Unbeweglichkeit, Stabbruch … Ich bin krumm, das ist einfach so, aber ich habe in meinem Leben noch nie eine Schmerztablette wegen Rückenschmerzen genommen. Und ich kann Sport machen und schwimmen und tanzen … so viel ich will.

Stabilisation statt Ballett

 

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