Endspurt

Bad Sobernheim, 17.1.2018

Heute reisen fast alle ab, die mit mir angekommen sind. Das ist sehr schade, weil wir eine gute Gruppe waren. Wir hatten viele und gute Gespräche, haben am Wochenende schöne Spaziergänge gemacht, und auch beim Essen saßen wir immer zusammen.
Ich habe nun ein bisschen sozialen Stress, weil das Ganze jetzt wegfällt und weil ich mir nun einen neuen Kreis suchen muss.

Ich hatte dann noch ein ärgerliches Gespräch mit einer Mitpatientin. Meiner Meinung nach war sie sehr wenig reflektiert, was Skoliosen-OPs angeht. OP – kein Problem, man wird wieder gerade, hat keine Schmerzen. Und gut! Na ja, sie war nicht so krumm, dass sie tatsächlich über eine OP hätte nachdenken müssen.

Vielleicht ist es in manchen Fällen notwendig zu operieren … Ich weiß es nicht, ich bin medizinischer Laie, aber bin ein Experte für meine eigene krumme Wirbelsäule. Ich weiß, wie ich mich damit fühle, ich weiß, wie ich aussehe, und ich weiß, wie Menschen auf mich reagieren, wenn sie mich im Badeanzug sehen. Ich weiß, was ich machen muss, wenn es anfängt wehzutun. Ich habe es im Griff.
Ich weiß nicht, ob ich es im Griff hätte, wenn ich einen Harrington-Stab im Rückgrat hätte.

Die Harrington-Stab-Methode, die in den Siebzigerjahren praktiziert und damals natürlich gehypt wurde, gibt es nicht mehr. Warum nicht?

In Isny habe ich zwei Harrington-Stab-Patienten kennengelernt. In meinem Alter. Denen ging es nicht gut.

Wie wird es den jungen Patienten,, die heute operiert werden, in 40 Jahren gehen? Das weiß niemand, denn die Erfahrung fehlt noch.

 

18.1.2018

Nur noch ein paar Tage …

Seit gestern sind meine liebsten Mitpatienten, mit denen ich mich gut verstanden und viel Zeit verbracht habe, wieder weg. Es ist schon ein bisschen traurig, unser großer Tisch ist verwaist, das heißt, nein, denn es kommen neue Patienten. Ich habe keine Lust mehr. Zum ersten Mal seit ich hier bin eigentlich. Sicher hängt das mit der veränderten Situation zusammen. Mir wird das gerade alles bisschen viel.

Gestern wütete der Orkan Friederike in ganz Deutschland. Hier in Bad Sobernheim nicht. Es war eher mild und ganz windstill.

Die Therapien werden mir gerade auch zu viel. Dort, wo der Atemreiz gesetzt wird, also im Lendental, habe ich einen Ausschlag bekommen. Auch das noch.

Außerdem hat mir gestern ein Therapeut beim Üben gesagt, wenn ich nicht mehr könne, dürfe ich ruhig mal eine Pause mehr machen. Was? Wie kommt er darauf? Habe ich einen erschöpften Eindruck gemacht? Sehe ich so zerbrechlich aus? Ist meine Wirbelsäule so verbogen, dass er ihr nicht viel zutraut?

Außerdem zweifle ich auch gerade an der Wirksamkeit der Therapie. Ich bin ja kein bisschen gerader geworden, ob die Haltung sich verbessert hat, kann ich nicht sagen. Schmerzen hatte ich keine, als ich herkam. Also musste schmerztechnisch auch nix behandelt werde.

Ach so, eine kleine Veränderung gab es doch. Ich kann wieder richtig gut brustschwimmen: Die Beinbewegungen machen mir keine Probleme mehr.

Ich werde aber weiterhin Kraulen üben, denn ich bin weiterhin überzeugt davon, dass Kraulen sehr gut ist für die Rückenmuskulatur. Ich brauche aber eine Schwimmbrille, die letzte habe ich verloren.

Große Zweifel

Ich zweifle an der Schroth-Therapie. Hätte ich in diesen vier Bad-Sobernheim-Wochen statt zu schrothen extremen Muskelaufbau betrieben und wäre jeden Tag kraulen gegangen, wäre das nicht ebenso „erfolgreich“ gewesen für meine Wirbelsäule? Vier Wochen für eine Therapie, die was genau bewirkt hat? Katharina Schroth hat ihre Skoliose-Patienten über Monate täglich stundenlang behandelt. Da sieht das vielleicht ganz anders aus. Aber drei beziehungsweise vier Wochen, die dann plötzlich eine Besserung, also Begradigung der Krümmung bewirken sollen? Und zwar auch bei Erwachsenenskoliosen, die ja doch nicht mehr so biegsam sind?

Ich weiß nicht, irgendwie passt das alles nicht. Die Erwachsenen machen genau die gleichen Übungen wie die Kinder und Jugendlichen. Gestern im Funktionsübungsraum ist eine schon etwas ältere Frau mir einer starken Skoliose (sie geht an einem Rollator) gestürzt. Ich glaube, sie hat gerade „Zwischen zwei Stäben“ geübt und konnte sich nicht mehr halten. Natürlich halfen ihr die besorgten Therapeuten gleich, aber wenn eine so beeinträchtigte Patientin übt, sollte sie dann nicht besonders betreut werden? Zwischen all den in meiner Wahrnehmung kerzengeraden, schlanken, fitten Jugendlichen?

Gestern beim Mittagessen saß ich mit einer jungen Frau zusammen, die eigentlich ein Korsett trägt. Das Korsett machte ihr Probleme, und sie hätte es hier gern einmal anschauen und sich beraten lassen. Doch das ging nicht. „Da müssten Sie zu Ihrem Orthopäden und Korsettbauer zu Hause gehen“, bekam sie zur Antwort.

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