Die Skoliose bei literarischen Figuren

Richard III. und Shakespeare

Richard III. (2.10.1452–22.8.1485) war von 1483 bis zu seinem Tod 1485 König von England.

Er litt, wie es Forscher der University of Leicester durch Röntgenaufnahmen belegen, an einer rechtskonvexen 70-Grad-Verkrümmung der Wirbelsäule im Brustbereich. Richards Skelett wurde erst im Jahre 2013 von britischen Archäologen unter einem Parkplatz in Leicester gefunden. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass es sich bei dem Skelett um die Überreste des englischen Königs Richard III. handelte, dessen Gebeine als verschollen galten.

1597 macht ihn Shakespeare in seinem Drama „Die Tragödie von Richard III.“ zu einem bösartigen, hässlichen, verwachsenen Krüppel: Richard, der wegen seines Aussehens nicht zum Liebhaber taugt, entscheidet sich nun, ein schlechter Mensch zu werden. Er entledigt sich aus Machtgier seiner beiden Brüder, einer davon ist der regierende König von England. Der zweite Bruder wird in einem Weinfass ertränkt. Und so beseitigt Richard einen Rivalen nach dem anderen, bis er – nach einer langen Mordserie – selbst getötet wird.

Der historische Richard III. litt an einer Skoliose, und sicher war diese Fehlbildung der Wirbelsäule deutlich sichtbar, sonst wäre Shakespeare ja gar nicht erst auf die Idee gekommen, ihn als „malicious, power-hungry and bitter about his physical deformity“ (sparknotes.com) zu beschreiben.

Aber ob er ein so schlimmer Bösewicht war wie Shakespeares Drama, sei mal dahingestellt. Ich denke, durch seine Optik war er bereits ein Außenseiter, und es bot sich an, ihn auch zu einem außergewöhnlichen Charakter zu machen.

Es gibt einen wunderbaren Richard III. an der Berliner Schaubühne mit Lars Eidinger in der Titelrolle. Lars Eidinger trägt einen Lederbuckel, humpelt über die Bühne und spielt seine Rolle erschreckend böse.

Lars Eidinger als
Richard III.

Worauf ich die hinaus will: Der Böse in Shakespeares Drama ist gekennzeichnet durch einen „Buckel“, der „Buckel“ wird zum spezifizierenden Attribut.

Bucklige Außenseiter sind auch Quasimodo aus „Der Glöckner von Notre-Dame“ von Victor Hugo und „Rigoletto“ aus Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wieder in München

München, 26.1.2018

Seit vorgestern bin ich wieder zu Hause in München. Vier Wochen Bad Sobernheim, die Zeit verging wie im Flug. Ich war sofort wieder im Alltag und habe das Gefühl, gar nicht weg gewesen zu sein. Am Fahrttag habe ich nichts gemacht. Ich meine, kein Schrothen, keine Gymnastik, kein Schwimmen. Das habe ich mir erlaubt. Gestern jedoch, ging es wieder weiter: morgens Schwimmen, mittags eine halbe Stunde Schroth – „jeden Tag 30 Minuten Schroth-Übungen“, das wurde uns in der Rehaklinik sehr ans Herz gelegt. Ich habe also tatsächlich gleich damit angefangen. Gestern Abend dann noch Kieser-Training … Und heute morgen bin ich mit Schmerzen in der Hüfte aufgewacht. Komisch, oder? Ich habe mich dann nach zwei großen Tassen Kaffee ins Schwimmbad aufgemacht, um den Schmerzen mit Kraulen entgegenzuwirken. Hat geklappt. In der Mittagspause wieder Schroth. Ich habe mir vier Übungen mit nach Hause genommen, und diese vier Übungen (Muskelzylinder, Schulterzug, zwischen zwei Stäben und Sprossenheber) decken genau eine halbe Stunde ab. Das funktioniert. Ich habe natürlich nicht das professionelle Equipment wie in Bad Sobernheim, aber mit Stühlen, Thera-Band, Türrahmen und etwas Fantasie kann man sich zu helfen wissen.

Komme gerade aus den Kammerspielen und habe mir ein Tanztheater angesehen.

Rückenfeindliches Tanztheater

Die Zuschauer mussten auf dünnen Schaumstoffmatratzen, die auf dem Boden lagen, sitzen. Das war sehr unbequem und sicher auch nicht gut für die Wirbelsäule. Durch diese Sitzordung waren die Zuschauer den Tänzern ziemlich nah, und was ich im Detail gesehen habe, ließ mich gleich wieder wegschauen. Eine Tänzerin musste sich dermaßen verrenken und fiel immer wieder auf den Rücken, dass ich ein sehr ungutes Gefühl bekam. Wir haben in Bad Sobernheim unsere Wirbelsäulen gepflegt, gestreckt und gut behandelt, und diese Tänzerin macht genau das Gegenteil. Sie staucht, sie verdreht, sie quält ihre Wirbelsäule, ihr Rücken hält das aus. Wie schön muss es sein, eine gerade Wirbelsäule zu haben. Ich kenne das gar nicht.

 

München, 16.4.2018

 Resümee

 Jetzt bin ich bereits seit rund zehn Wochen wieder in München. Seit zehn Wochen wieder im Alltag. Deswegen stelle ich mir die Frage: Was haben diese vier Wochen Bad Sobernheim bewirkt. Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Wie ich in meinem letzten Blogeintrag lese, habe ich ja gleich mit Schmerzen in der Hüfte zu kämpfen gehabt. Aber das ging auch sehr schnell wieder vorbei. Das Schwimmen, genauer gesagt, das Kraulen hat mir dabei geholfen. Geschrothet habe ich – wie die Empfehlung der Klinik war – jeden Tag. Gut.

Was ich zuerst sehr vermisst habe, war der strukturierte Tagesablauf, die täglichen Trainingseinheiten und das Feedback der Therapeuten. Aber man kann sich so einen Tagesablauf auch selbst schaffen. Morgens vor der Arbeit schon Sport, abends nach der Arbeit auch wieder. Und wenn man die Energie und die Möglichkeit dazu hat, kann man in der Mittagspause (nicht jeden Tag, das wäre dann doch zu anstrengend) in einem Schwimmbad seine Bahnen ziehen. Oder auch abends, wenn man nach einem langen Bürotag nicht zu müde ist. Aber man weiß ja, wozu man das macht!

 

Hildegard von Bingen

Bad Sobernheim, 21.1.2018

Sonntag, das übliche Programm: spätes Frühstück (8.30 Uhr) in guter Gesellschaft. Eine Mitpatientin und ihre Mutter setzten sich an meinen Tisch. Es entwickelte sich ein wirklich gutes, kluges Gespräch. Meine Mitpatientin C. hat ebenfalls – also wie ich – eine ausgeprägte Skoliose.
C. wollte sich nicht operieren lassen und arbeitet auch sehr intensiv an ihrem Körper. Schroth-Reha jedes Jahr. Die Mutter begleitet sie. Die Mutter denkt wie ich: Eine OP komme für C. nicht in Frage, aber es gäbe diese Möglichkeit eben auch, und ein Arzt müsse diese Option selbstverständlich ansprechen. Entscheiden müsse der Patient. Stimmt.

Nach dem Mittagessen machten N., C. und ich uns auf und fuhren mit N.s Auto zur Klosterruine Disibodenberg, in der Hildegard von Bingen gewirkt hat. Die Klosterruine war zerfallen und durch die winterliche Witterung wirkte sie etwas desolat. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sie im Sommer sehr geheimnisvoll und idyllisch ist.

Es waren kaum Menschen unterwegs, und wir sind den Rundweg gelaufen, haben in der kleinen Kapelle Kerzchen angezündet und die Stimmung auf uns wirken lassen.

Anschließend sind wir in unserem Lieblingscafé „Sommercafé an der Nahe“ eingekehrt. Dort herrscht eine wirklich sehr angenehme und positive Atmosphäre. Ich bewundere immer den wunderbaren selbstgemachen Kuchen, der dort angeboten wird, und habe beschlossen, mit sofort eine Backform zu kaufen, wenn ich wieder in München bin, um den Kuchen nachzubacken. Und um mich an Bad Sobernheim zu erinnern.


Bad Sobernheim, 24.1.2018

Letzter Tag …

… und jetzt bin ich schon ein bisschen traurig. Diese vier Wochen waren eine sehr intensive Zeit, in jeder Beziehung. Mal sehen, wie es mit mir zu Hause weitergeht …

Üben

 

 

 

 

 

 

Endspurt

Bad Sobernheim, 17.1.2018

Heute reisen fast alle ab, die mit mir angekommen sind. Das ist sehr schade, weil wir eine gute Gruppe waren. Wir hatten viele und gute Gespräche, haben am Wochenende schöne Spaziergänge gemacht, und auch beim Essen saßen wir immer zusammen.
Ich habe nun ein bisschen sozialen Stress, weil das Ganze jetzt wegfällt und weil ich mir nun einen neuen Kreis suchen muss.

Ich hatte dann noch ein ärgerliches Gespräch mit einer Mitpatientin. Meiner Meinung nach war sie sehr wenig reflektiert, was Skoliosen-OPs angeht. OP – kein Problem, man wird wieder gerade, hat keine Schmerzen. Und gut! Na ja, sie war nicht so krumm, dass sie tatsächlich über eine OP hätte nachdenken müssen.

Vielleicht ist es in manchen Fällen notwendig zu operieren … Ich weiß es nicht, ich bin medizinischer Laie, aber bin ein Experte für meine eigene krumme Wirbelsäule. Ich weiß, wie ich mich damit fühle, ich weiß, wie ich aussehe, und ich weiß, wie Menschen auf mich reagieren, wenn sie mich im Badeanzug sehen. Ich weiß, was ich machen muss, wenn es anfängt wehzutun. Ich habe es im Griff.
Ich weiß nicht, ob ich es im Griff hätte, wenn ich einen Harrington-Stab im Rückgrat hätte.

Die Harrington-Stab-Methode, die in den Siebzigerjahren praktiziert und damals natürlich gehypt wurde, gibt es nicht mehr. Warum nicht?

In Isny habe ich zwei Harrington-Stab-Patienten kennengelernt. In meinem Alter. Denen ging es nicht gut.

Wie wird es den jungen Patienten,, die heute operiert werden, in 40 Jahren gehen? Das weiß niemand, denn die Erfahrung fehlt noch.

 

18.1.2018

Nur noch ein paar Tage …

Seit gestern sind meine liebsten Mitpatienten, mit denen ich mich gut verstanden und viel Zeit verbracht habe, wieder weg. Es ist schon ein bisschen traurig, unser großer Tisch ist verwaist, das heißt, nein, denn es kommen neue Patienten. Ich habe keine Lust mehr. Zum ersten Mal seit ich hier bin eigentlich. Sicher hängt das mit der veränderten Situation zusammen. Mir wird das gerade alles bisschen viel.

Gestern wütete der Orkan Friederike in ganz Deutschland. Hier in Bad Sobernheim nicht. Es war eher mild und ganz windstill.

Die Therapien werden mir gerade auch zu viel. Dort, wo der Atemreiz gesetzt wird, also im Lendental, habe ich einen Ausschlag bekommen. Auch das noch.

Außerdem hat mir gestern ein Therapeut beim Üben gesagt, wenn ich nicht mehr könne, dürfe ich ruhig mal eine Pause mehr machen. Was? Wie kommt er darauf? Habe ich einen erschöpften Eindruck gemacht? Sehe ich so zerbrechlich aus? Ist meine Wirbelsäule so verbogen, dass er ihr nicht viel zutraut?

Außerdem zweifle ich auch gerade an der Wirksamkeit der Therapie. Ich bin ja kein bisschen gerader geworden, ob die Haltung sich verbessert hat, kann ich nicht sagen. Schmerzen hatte ich keine, als ich herkam. Also musste schmerztechnisch auch nix behandelt werde.

Ach so, eine kleine Veränderung gab es doch. Ich kann wieder richtig gut brustschwimmen: Die Beinbewegungen machen mir keine Probleme mehr.

Ich werde aber weiterhin Kraulen üben, denn ich bin weiterhin überzeugt davon, dass Kraulen sehr gut ist für die Rückenmuskulatur. Ich brauche aber eine Schwimmbrille, die letzte habe ich verloren.

Große Zweifel

Ich zweifle an der Schroth-Therapie. Hätte ich in diesen vier Bad-Sobernheim-Wochen statt zu schrothen extremen Muskelaufbau betrieben und wäre jeden Tag kraulen gegangen, wäre das nicht ebenso „erfolgreich“ gewesen für meine Wirbelsäule? Vier Wochen für eine Therapie, die was genau bewirkt hat? Katharina Schroth hat ihre Skoliose-Patienten über Monate täglich stundenlang behandelt. Da sieht das vielleicht ganz anders aus. Aber drei beziehungsweise vier Wochen, die dann plötzlich eine Besserung, also Begradigung der Krümmung bewirken sollen? Und zwar auch bei Erwachsenenskoliosen, die ja doch nicht mehr so biegsam sind?

Ich weiß nicht, irgendwie passt das alles nicht. Die Erwachsenen machen genau die gleichen Übungen wie die Kinder und Jugendlichen. Gestern im Funktionsübungsraum ist eine schon etwas ältere Frau mir einer starken Skoliose (sie geht an einem Rollator) gestürzt. Ich glaube, sie hat gerade „Zwischen zwei Stäben“ geübt und konnte sich nicht mehr halten. Natürlich halfen ihr die besorgten Therapeuten gleich, aber wenn eine so beeinträchtigte Patientin übt, sollte sie dann nicht besonders betreut werden? Zwischen all den in meiner Wahrnehmung kerzengeraden, schlanken, fitten Jugendlichen?

Gestern beim Mittagessen saß ich mit einer jungen Frau zusammen, die eigentlich ein Korsett trägt. Das Korsett machte ihr Probleme, und sie hätte es hier gern einmal anschauen und sich beraten lassen. Doch das ging nicht. „Da müssten Sie zu Ihrem Orthopäden und Korsettbauer zu Hause gehen“, bekam sie zur Antwort.