Menschliche Kontakte

Bad Sobernheim, 14.1.2018

 Wenn man in eine Rehaanstalt fährt, muss man sich an viele neue Dinge und Situationen gewöhnen. Fremde Umgebung, fremde Therapeuten, fremde Menschen. Aber alle Patienten haben die gleichen Anfangsvoraussetzungen.

Manche Patienten kennen die Einrichtung bereits, weil sie schon mal da waren. Sie finden sich dann schneller mit den Räumlichkeiten zurecht und haben einen kleinen Vorteil.

Ich zum Beispiel war noch nie hier und musste am zweiten Tag den Raum für meine verordnete Atemtherapie finden. Da der vorhergehende Termin (Gruppe Schroth) mir nur fünf Minuten Zeit ließ zum Anziehen, Zusammenpacken und Raum-Finden, kam ich zehn Minuten zu spät zum vereinbarten Termin. Die Atemtherapeutin reagierte natürlich etwas ungehalten, schimpfte die verbleibenden zehn Minuten vor sich hin und verleidete mir und wahrscheinlich auch sich selbst die Therapie.

So etwas gehört eben zu den Anfangsschwierigkeiten. Hinzu kommt das Soziale (manchmal wird sogar sozialer Stress draus). Mit wem komme ich gut zurecht? Mit wem kann ich mich gut unterhalten? Und wenn es keine Sitzordnung gibt bei den Mahlzeiten: Wo setzte ich mich hin?

Manchmal trifft man auf merkwürdige Menschen, die den Eindruck erwecken, als hätten sie etwas gegen einen, obwohl man sich nicht kennt und noch nie im Leben gesehen hat. Da stimmt dann etwas nicht. Man kann diesen Menschen, die man aus unerklärlichen Gründen nicht sympathisch findet, nicht aus dem Weg gehen, denn man trifft sie ja ständig in den Therapiegruppen, beim Training, im Speisesaal.

Man kann sie nur ignorieren und sich anderen zuwenden. Die gibt es ja auch. Patienten, zu denen man gleich einen Draht hat und mit denen man auch gemeinsam essen will zum Beispiel. So ein Sanatorium ist eine künstliche Welt. Ein kleines eigenes Universum.

Hier, in Bad Sobernheim, geht es nur und ausschließlich um Skoliosen (viel) und Kyphosen (wenig), und zwar den ganzen Tag. Beim Training mit gut sichtbarer Wirbelsäule, schaut man sich die anderen an, denkt manchmal, o je, wie sieht der oder die denn aus? Dann, mit der Zeit, gewöhnt man sich an alle, bis die alten Mitpatienten abreisen und neue anreisen.

Man bekommt nicht so viel mit, was draußen passiert. Sicher schaut man schnell mal in die Tageszeitung oder in seine Handy-App, aber dann geht es gleich wieder zum nächsten Behandlungstermin.

Bei Abreisen tauscht man Adressen aus und verspricht – und das ist in dem Moment auch ernst gemeint – Kontakt zu halten oder sogar sich zu besuchen. Aber ich denke, dass funktioniert in den wenigsten Fällen.

Der Alltag ist wieder da, die Strukturen, und die Reha mit den neuen angenehmen oder auch unangenehmen Kontakten ist weit weg.

Diese sozialen Kontakte sind flüchtig und nur während der Reha wichtig. Man geht in therapiefreien Zeiten gemeinsam in den Ort, manchmal abends auf einen Wein, unternimmt an Wochenenden gemeinsam Ausflüge.

Vielleicht vergießt man sogar beim Abschied ein paar Tränen, und auch die sind in dem Moment ehrlich gemeint, aber genauso schnell wieder vergessen.

Zu Hause warten dann wieder die ganz normalen Alltagsprobleme und das gewohnte soziale Umfeld.

 

14.1.2018 (abends)
Aqua Aerobic

Heute, weil Sonntag ist, fand vormittags Aqua-Aerobic statt und nicht wie sonst das normale Schroth-Programm. Aqua-Aerobic ist natürlich freiwillig, denn am Wochenende muss niemand, aber jeder könnte, wenn er wollte. Und ich nehme natürlich mit, was ich kriegen kann. Deswegen bin ich hier.

Nachmittags haben wir dann einen langen Spaziergang gemacht, zwei meiner Mitpatientinnen und ich. Ich glaube, im Sommer sind Bad Sobernheim und der Hunsrück ganz schön. Jetzt, mitten im tiefsten Winter, ist um 17 Uhr, wenn wir an den Übungstagen mit unserem Programm fertig sind, alles schon stockduster. Sich die Landschaft anschauen geht dann nicht mehr.

Trotzdem, nach unserem langen Spaziergang an der Nahe sind wir dann wieder im „Sommercafé“ eingekehrt. Dort gibt es „Tränchenkuchen“, das ist ein wunderbarer Käsekuchen mit einer Schicht Baiser auf der Käsemasse. Den kenne ich gar nicht, den gibt es bei uns in München nicht. Ich glaube, den kennt man nur hier in dieser Gegend. Aber er ist wunderbar, und ich werde ihn zu Hause nachbacken.

Also, heute „nur“ Aqua Aerobic und Spaziergang. Trotzdem bin ich abends wahnsinnig müde. Um 21 Uhr fallen mir hier regelmäßig die Augen zu. Den „Tatort“ kann ich nicht zu Ende anschauen, und ich weiß leider nicht, wer der Mörder war.

Ein ganz normaler Übungstag

Bad  Sobernheim, 12.1.2018

 

Übungsraum mit Equipment

Die übliche Tagesstruktur:

Funktion
Gruppe
Mittagspause
Gruppe
Funktion
Spaziergang in den Ort
Schwimmen
Bett
Schlafen
Gute Therapeuten, gutes Essen, und schlafen tue ich nach diesen vielen Aktivitäten ohnehin gut.

Vor den Gruppenstunden gibt es jedes Mal eine Aufwärmphase, zwanzig Minuten Bewegung nach Musik. Das macht wach und bringt Spaß. Man geht dann gleich mit einer guten Laune zu den Schroth-Übungen.

Nur eine Sache stört mich: Ich hatte immer noch kein Chefarztgespräch, was mir sehr wichtig wäre. Ich habe darum gebeten. Zweimal bereits. Wenn sich nach dem Wochenende nix tut, dann gehe ich nach den Übungen am  Montag einfach zum mysteriösen Chefarzt (mysteriös deshalb, weil ich schon viel von ihm gehört habe, aber noch nie gesehen)  und stelle meine Fragen. Mir fallen übrigens immer mehr ein …

Vor allem nach dem medizinischen Vortrag von vorgestern, bei dem gesagt wurde, dass man Skoliosen ab 50 Grad operieren sollte. Das wurde einfach so gesagt. Was aber nicht gesagt wurde, war, wie ist die Nachsorge, wie sind die Schmerzen, wie lebe ich mit einem versteiften Rücken? Vielleicht machen es sich die Ärzte doch etwas zu leicht: Operation, und dann ist alles gut? Das optische Erscheinungsbild wird angepasst, wunderbar, denn auch das Kosmetische spielt eine große Rolle, denn niemand möchte schief und krumm sein und einen „Buckel“ haben. Die inneren Organe (Lunge, Herz, eventuell Magen und Darm) werden durch die OP wieder in Position gebracht. Das hört sich in der Theorie ja erst mal gut und vielversprechend an. Vielleicht fühlt sich der Patient nach der schlimmen und sicherlich auch schmerzhaften Post-OP-Zeit tatsächlich besser und schöner. Aber wie geht es dem Patienten dreißig oder vierzig Jahre nach der OP? Es gibt noch keine Langzeiterfahrung mit den heutigen OP-Methoden.

Ich habe bei meinen Reha-Aufenthalten in Isny Patienten kennengelernt, deren Wirbelsäulen vor 40 Jahren mit einem Harrington-Stab begradigt wurden. Es geht ihnen heute nicht gut …

Gestern Abend lief ein Bericht auf 3SAT, in dem es um Wirbelsäulenversteifungen ging. Die Kliniken verdienen damit natürlich auch eine Menge Geld. Die Krankenkassen bezahlen.